Manz-Bauten prägten die Industrielandschaft

Ein Blick in die Techniksammlung (III) - Industriearchäologie und Technikgeschichte, eine Chance für die Zukunft

Von Heinz Wollenhaupt Heinz Wollenhaupt

fertigmacherei tbEin Industriedenkmal: In der Kaelble-Halle, der einstigen Fertigmacherei des Traditionsunternehmens, ist die Techniksammlung zu finden. Foto: M. MelchertBacknang - Das Interesse an Zeugnissen und Denkmalen der technischen Entwicklung ist in den vergangenen Jahren stark gestiegen. Industriearchäologie ist die systematische Erforschung aller Quellen industrieller Vergangenheit, wozu vor allem technische Denkmale gehören. Letztlich ist die Industriearchäologie sogar vergleichbar mit der Kunstwissenschaft, die von den Kunstdenkmalen ausgehend die Geschichte der Kunst geschrieben hat.

Das Land Nordrhein-Westfalen geht schon seit über 25 Jahren in einer Art Vorbildfunktion voraus und ist in der Erforschung und Erhaltung seiner industriellen Vergangenheit am weitesten fortgeschritten. Der deutsche Vorreiter der Primärindustrie für Kohle und Stahlerzeugung – das Ruhrgebiet - hat den Übergang von der energie- und stahlerzeugenden Primärindustrie zur nächsten Stufe der verarbeitenden Industrie, der Sekundärindustriestufe, schon seit Mitte der 60er Jahre zu spüren bekommen. Hochofenanlagen, Schachtanlagen, Verkehrswege wie Eisenbahn, Straßen und Kanalanlagen mit den Kunstbauten wie Brücken, Wasserwerke, Schleusen und Betriebsbauten als Bahnhöfe, Stellwerke, Signalanlagen oder Betriebshöfe zeugen vom vergangenen Massengut von Kohle und Stahl.

Viele dieser zwischenzeitlich zum Abriss vorgesehenen Baudenkmäler werden nun wiederentdeckt, restauriert und einer neuen Nutzung zugeführt oder zur Sichtbarmachung der Industriegeschichte als Industriemuseum erhalten. Bekannt sind Werke wie die Maschinenhalle der Zeche Zollverein in Essen, Zeche Zollern II/IV in Dortmund oder das Lagerhaus der Gutehoffnungshütte (GHH) in Oberhausen von Peter Behrens, das als Zentraldepot und Ausstellungsort des Rheinischen Industriemuseums dient.

Wie sieht nun die Situation auf Backnang bezogen aus? Als Blütezeit der industriellen Entwicklung in Backnang kann die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts bezeichnet werden: es war die Hoch-Zeit der verarbeitenden Industrie in den Bereichen Spinnerei, Gerberei und auch Straßenmaschinenbau (Kaelble).

Die noch vorhandenen Industriebauten entlang der Murr von der Spinnerei Adolff bis hinunter zur Fabrikstraße zeugen - soweit erhalten - von der einstigen Größe und dem von ihnen beherrschten Stadtbild. Die Nachrichtentechnik von AEG nutzte seit 1945 schon industrielle Brachen der Gerberei-Industrie für die Entwicklung und Fertigng nachrichtentechnischer Geräte in der Gerberstraße und später in der Gartenstraße und Oberen Walke, teilweiße in dies sogar bis heute der Fall. Eigene bauliche Erweiterungen in der Gerberstraße kamen erst ab 1957 dazu.

Zeugnisse der Industriearchäologie sind demnach auch in Backnang noch vorhanden. Das Architekturbüro Philipp Jakob Manz aus Stuttgart plante lange Jahre die Erweiterungen der Spinnerei Adolff. Selbst das Marienheim ist eine Planung des bekannten Architekturbüros, das im gesamten süddeutschen Raum die Industrielandschaft zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts geprägt hat. Weitere typische Beispiele des Manz-Stils sind die Textilfabrik Gminder in Reutlingen, Salamander in Kornwestheim und Junghans in Schramberg.

Zum Arbeitsfeld der Techniksammlung gehört es, die Zusammenhänge der Backnanger Industriearchäologie und  Technikgeschichte aufzuzeigen. In der alten Fertigmacherei der Firma Kaelble an der Ecke Schöntaler Straße / Mühlstraße soll einerseits die Struktur der Halle als Industriedenkmal erhalten bleiben. Andererseits werden in ihr Produktionsanlagen aufbewahrt und der Öffentlichkeit präsentiert, die aus Backnanger Industriebetrieben stammen. Die vier Bereiche Gerbereiwesen, Spinnerei, Straßenmaschinenbau und Nachrichtentechnik dokumentieren 150 Jahre Backnanger Industrieentwicklung und damit auch einen wesentlichen Teil der neuen Backnanger Heimatgeschichte.

So soll der Wandel der industriellen Entwicklung von der Vergangenheit bis heute erklärt werden,  und das Wissen darum der Nachwelt erhalten bleiben. In diesem Zusammenhang sollte man auch darüber nachdenken, ob nicht eines der letzten Gerbereigebäude mit den typischen Gruben erhalten werden soll, um zusammen mit den Gerbereimaschinen der Techniksammlung die einstige Größe der Gerberei -Industrie in der „süddeutschen Gerberstadt“ für die Nachwelt erlebbar zu machen. 

(Quelle: Backnanger Kreiszeitung 10.1.2001, mit freundlicher Genehmigung Verlag Fr. Stroh, Backnang)

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