Schaben und Scheren: Vom Fell bis zur Blöße

Blick in die Techniksammlung (XX und Schluss) - Der Gerberbaum - Die Lederherstellung wurde dadurch leichter

Von Werner Beutelspacher Werner Beutelspacher

Backnang - In früher Vorzeit wollte sich der Mensch vor Kälte, Regen und vielleicht auch vor den Blicken Neugieriger schützen und tat das Nächstliegende, indem er sich mit den Fellen seiner erbeuteten Tiere bekleidete. Das Fell musste haltbar gemacht, die Fleischreste davon entfernt werden, weil diese verhärteten und es für seine Zwecke unbrauchbar geworden wäre.

Die Werkzeuge dafür entstanden im Laufe der Zeit; erst wurde das Schabeisen, später das Schereisen (Scherdegen) und das Haareisen erfunden. Dann musste nur noch eine geeignete Unterlage als Arbeitsfläche gefunden werden. Und irgendwann muss einmal einer unserer Vorfahren ein Fell auf einem Baumstamm entfleischt und dabei festgestellt haben, dass man es so besser "Reinmachen" kann.

Gerberbaum tbTrotz des passenden Werkzeugs eine mühevolle Arbeit: Lederherstellung. Werner Beutelspacher übte jahrzehntelang den Beruf des Gerbers aus und bringt jetzt sein Fachwissen in die Techniksammlung ein. Foto: M. MelchertDaraus entstand der heutige Gerberbaum, ein in der Längsrichtung gespaltenes Stück eines Baumstammes von 30 bis 50 Zentimeter Halbmesser. Durch das Schrägstellen des Baumes konnte die Arbeit des Schabens oder Scherens in einer Lage erfolgen, in der das Fell von selbst auf dem Baum glatt liegen blieb.

Dieses  Gerät war anfangs unhandlich, weswegen man es, ähnlich einer Kellerschalung, im Bogen lamellierte, später auch mit Blech beschlagen oder ganz aus Metall herstellte.

Im Laufe vieler Jahrhunderte wurde aus der primitiven Fellbearbeitung die neuzeitliche Gerberei. Mit viel Wasser und Kalk gelang die Herstellung von glattem Leder ohne Haare nach einer Beizung mit Tierexkrementen. Dieser Vorgang, in der Fachsprache "Reinmacherei" genannt, wäre ohne den Gerberbaum, backnangerisch "Bomm" genannt, gar nicht möglich gewesen.

Der Arbeitsgang war folgender: Die Tierhaut wurde auf dem Gerberbaum mit dem Schabeisen gestreckt, zur Abkürzung der Weiche. Nach der Langzeit-Stinkweiche oder "Äscher" genannten Haarlockerung wurde, mit der Haarseite nach oben, enthaart und mit dem Scherdegen von der Fleischseite her entfleischt. Der Abfall, das Leimleder, wurde gekocht und als Holzleim verwendet.

Diese zur Gerbung vorbereitete Haut, jetzt "Blöße" genannt, wurde auf der Narbenseite (der vormaligen Haarseite) mit dem Streicheisen vom Haargrund befreit. Dies geschah wieder auf dem "Baum". Ein Gerber musste diese Arbeit beherrschen, wenn er ein gutes Leder herstellen wollte. In der Halle der Techniksammlung des Backnanger Heimat- und Kunstvereins sind ein Gerberbaum und die dazugehörigen Werkzeuge einer Wasserwerkstatt-Reinmacherei zu sehen.

(Quelle: Backnanger Kreiszeitung 23.4.2001,  mit freundlicher Genehmigung Verlag Fr. Stroh, Backnang)

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