Der ehrenamtliche Experte Richard Schust  Richard Schust Richard Schust erzählt die Geschichte des markanten Umlenkspiegels am Backnanger Wasserturm.

Engpass via Wasserturm beseitigt

Umlenkspiegel brachte Richtfunkstrahl in gewünschte Position - Geräte aus den 60er Jahren in der Techniksammlung

20160203 160742 IMG 0108 thAnfang der 60er Jahre waren die Telefonverbindungen von und nach Backnang sehr eingeschränkt. Deshalb vergab die Deutsche Bundespost den Auftrag an die damalige Telefunken AG, direkte Telefonverbindungen nach und von Stuttgart zu ermöglichen. Für die rührigen Techniker und Entwickler von Telefunken war es eine große Herausforderung, eine Richtfunkstrecke zu bauen, die alle Anforderungen der Bundespost erfüllte. Eine direkte Richtfunkverbindung von Backnang nach Stuttgart war aus topographischen Gründen nicht möglich. Der Remstalbuckel zwischen Korb und Buoch war im Wege.

Rhombus Nochmalige Kontrolle der Schrauben und Nietverbindungen: Dann wurde der Umlenksoiegel mit der Handwinde hochgezogenGelöst werden konnte das Problem dank des zwischenzeitlich fertig gestellten Wasserturms an der Bundesstraße 14. Ein Spiegel wurde berechnet, der den Richtfunkstrahl in die gewünschte Position umlenken kann. Der Umlenkspiegel besteht aus dem inneren Rhombus sowie einer formschönen äußeren Kontur. Die Firma Telefunken hatte damals die Idee, den Rhombus, der ja die Form des Telefunkensterns hatte, als Werbeträger einzusetzen. Die Deutsche Bundespost duldete damals noch keine Werbung an Posteinrichtungen.

Der Umlenkspiegel mit seiner großen Fläche und einem entsprechenden Gewicht wurde seinerzeit per Handwinde über einen Galgen (Ausleger) nach oben gezogen. Die Arbeitsbühne bestand aus einer so genannten Affenschaukel, bestehend aus einem Brett, das mit zwei Seilen oben am Wasserturm befestigt worden war. Nach der Montage des Spiegels wurden die beiden Richtfunkstellen in der Bahnhofstrasse Backnang sowie die Gegenstelle in Stuttgart-Frauenkopf aufgebaut.

Wasserturm RhombusEin nicht alltäglicher Arbeitsplatz in luftiger Höhe: Die AffenschaukelDie Richtfunkverbindung konnte gleichzeitig 120 Telefoniekanäle übertragen. Die damalige Hardware war nur in Röhrentechnik möglich. Die Nachfrage nach Telefonanschlüssen war zwischen den Jahren 1960 und 1970 enorm groß. Der Wasserturm mit dem Umlenkspiegel wurde schnell zu einem Wahrzeichen von Backnang. Jahrzehntelang stempelte die Post alle Briefe mit dem Wasserturmsymbol.

Die Richtfunkverbindung mit ihren 120 Telefonkanälen hat es ermöglicht, via Wasserturm viele Jahre zigtausende Gespräche und Daten zuverlässig zu übertragen. Seit der Einführung der digitalen Übertragungstechnik ist die Verbindung über den Wasserturm stillgelegt. Die heutige digitale Verbindung wird über den Fernmeldeturm Grab zum Frauenkopf in Stuttgart betrieben.

Röhrengeräte und Anlagen aus den Sechzigerjahren können in der Techniksammlung in Backnang besichtigt werden. Das Wahrzeichen von Backnang mit dem gelungenen Umlenkspiegel bleibt erfreulicherweise weiterhin bestehen. Ein Abbau des Umlenkspiegels würde bedeuten, dass der Wasserturm "nackt" in der Landschaft steht.

(Quelle: Backnanger Kreiszeitung 15.02.2002, mit freundlicher Genehmigung Verlag Fr. Stroh, Backnang)

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