Veranstaltungen

Wissenschaftliche Experimente an Bord von Raumstationen
Referent: Dr. rer. nat. Ulf Merbold, Stuttgart
Datum: Dienstag, 13. Juni 2017
Ort: Technikforum Backnang
 

20170613 191226 IMG 1288 tbDr. rer. nat. Ulf Merbold

Mit Tempo 27000 ins All gerast

50. Vortrag im Backnanger Technikforum: Ulf Merbold, der erste Westdeutsche im Weltall, referierte über seine drei Raumflüge

Von Carmen Warstat

Die Veranstaltung des Fördervereins Technikforum drohte anlässlich des 50. Vortrages aus allen Nähten zu platzen. Ulf Merbold, der erste Westdeutsche im Weltall, sprach zum Thema „Wissenschaft im Weltraum“ – zweifellos ein Höhepunkt in der neunjährigen Geschichte des Backnanger Vereins.

800 Mal hat Dr. Ulf Merbold auf drei Raumflügen die Erde umrundet. Dabei war selten „Zeit für Kontemplation“. Zum einen war da die unvorstellbare Geschwindigkeit: In achteinhalb Minuten wurden bei 27000 Kilometern pro Stunde vertikal 250 bis 300 Kilometer zurückgelegt, und das bei einer Beschleunigung, die im Laufe des Fluges wächst und nicht, wie beim Pkw, abnimmt.

EdLa 2017 TEC 1983tbFoto: Edgar LayherZum anderen berichtete der inzwischen fast 76-Jährige, dass es „sofort los geht dort oben“, denn die „Aufgabe war, etwas zu tun.“ Merbold ist ja nicht aus einem Pilotenkreis rekrutiert worden, sondern als Wissenschaftler. Und als solcher hat er 72 Experimente durchgeführt, die jahrelang (von anderen) vorbereitet wurden. Es sei dies eine Bürde gewesen, die er auf den Schultern trug – Erwartungen der Kollegen zu enttäuschen wäre bitter gewesen, und so flog der Zweifel immer mit: „Hoffentlich fahre ich keines der mir anvertrauten Experimente an die Wand“, dachte er jedes Mal noch beim Countdown, bis nach dem Start der Haupttriebwerke (in sechs Sekunden von Null auf vollen Schub) „alle Gedanken weggeblasen“ wurden.

EdLa 2017 TEC 1987tbFoto: Edgar Layher„Wenn ich ‚ich‘ sage, sind immer viele andere mitgemeint“, so der Referent, der Daten angemessener Qualität und Quantität zu liefern hatte, damit die Problemstellungen der Experimente beantwortet werden konnten. „Sie als Steuerzahler fragen vielleicht: Warum Experimente im Weltraum?“ Der Wissenschaftler antwortete mit drei Aspekten, die ausschlaggebend für die Forschungsbedingungen im All sind. Erstens gibt es dort keine Atmosphäre, woraus sich unter anderem Vorteile für die Analyse von Sternsignalen ergeben. Zweitens ist die globale Aussicht auf die Erde phänomenal, sodass der Gesundheitszustand der Wälder, die Gletscherschmelze oder auch Brandrodungen sehr gut erkennbar sind.

In 90 Minuten, die ein Raumschiff braucht, um die Erde zu umrunden, kann man sich also ein hervorragendes Gesamtbild vom Zustand der Erde machen.

Und drittens stellt die Schwerelosigkeit (um genau zu sein: Microgrativity) hochinteressante Bedingungen für Materialforschung, Biologie und Medizin her. Am Rande bemerkte der Referent, dass es übrigens aufschlussreich wäre, einmal eine Flasche Champagner an Bord zu schmuggeln, da die Blasen in der Schwerelosigkeit nicht aufsteigen dürften.

EdLa 2017 TEC 1984tbFoto: Edgar LayherMehrfach sorgte Merbold für Heiterkeit im Publikum, etwa auch, als er den Zustand der Trunkenheit („wenn sie unter irdischen Bedingungen zu viel gesoffen haben“) mit Situationen in der Schwerelosigkeit verglich. Er berichtete aus eigener Erfahrung über das aufgedunsene Gesicht (puffy face syndrome) und die dünnen Beine (chicken leg syndrome) im All und erwähnte Bewegungseinschränkungen durch Raumanzug und Helm, aus denen sich einmal Schwierigkeiten beim Flirten mit einer bildhübschen sowjetischen Kollegin ergaben.

Schließlich ging der Wissenschaftler auf die ethische Dimension der Raumfahrt ein. Er brachte seine Faszination zum Ausdruck für eine „Welt, in der es kein Oben und Unten gibt“, vor allem aber auch für die Schönheit und offensichtliche Zerbrechlichkeit der Erde, wie er sie aus der Distanz wahrnahm. Merbold zeigte Fotos, zum Teil aus den Archiven der NASA. Es sei bewegend zu sehen, wie dünn die Atmosphäre ist und sich bewusst zu machen, dass „von diesem bisschen Luft“ unser Leben abhängt. Unglaublich auch zu realisieren, wie wichtig Wasser ist und wunderschön – die Vulkanwelten.

Die Alpen von oben betrachtet – nicht nur ein großes Gebirge, sondern „wie ein aufgeschlagenes Buch“. Aber: „Anhalten, um in Ruhe zu gucken geht nicht.“ Und: „Was man nicht sieht, sind die Grenzen, die in unseren Landkarten so überdeutlich eingezeichnet sind.“

(Quelle: Backnanger Kreiszeitung vom 16.6.2017, mit freundlicher Genehmigung Verlag Fr. Stroh, Backnang)
 

 

 

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