Telefunken nach 100 Jahren - Das Erbe einer deutschen Weltmarke

Pünktlich zum 100jährigen Jubiläum im Jahre 2003 erschien das Buch Telefunken nach 100 Jahren zur Geschichte des Unternehmens. Eine Gruppe von meist ehemaligen Managern der Firma und befreundeten Fachleuten erstellte in jahrelanger Vorarbeit dieses recht umfassende Bild eines einst weltbekannten Unternehmens. Für alle, die keinen Zugang zu einem Exemplar dieses inzwischen vergriffenen Druckwerks haben, seien die für Backnang relevanten Kapitel mitsamt allen dazugehörigen Bildern hier wiedergegeben.
Dies geschieht mit freundlicher Genehmigung der Nicolaische Verlagsbuchhandlung GmbH, Berlin.

Richtfunk- und Satellitentechnik

Je höher die Antenne, desto größer die Reichweite.
Der Gipfel: die Relaisstation im Weltraum

Von Rudolf Steinhart und Gert Eckhardt

188a tbBild 1: Richtfunkturm der Deutschen Bundespost in HamburgJeder weiß, was ein „Handy“ ist, viele haben schon eins, fast alle  wollen eins. Aber wohl kaum jemand weiß, wie dieses Wunderwerk der Kommunikationstechnik funktioniert. Und er braucht es auch gar nicht zu wissen, wenn er es nutzen will. Aber ehrlich: Ist es nicht fast ein Wunder, wenn man von jedem beliebigen Telefon – ob drahtgebunden oder Funk - jeden beliebigen „Handy“-Besitzer, wo auch immer er sich befindet, anrufen und mit ihm reden kann? Dabei muss man nicht einmal wissen, wo sich der Handy-Teilnehmer befindet: Ob in Norwegen oder an der Côte d'Azur, ob in Krakau oder im Nachbarhaus, der Ruf kommt immer an, vorausgesetzt natürlich, dass am momentanen Aufenthaltsort des Besitzers eine Mobilfunk-Versorgung besteht und dass der Besitzer sein Mobiltelefon eingeschaltet hat.

Nun kann man hier sicher nicht eine vollständige und voll verständliche Systembeschreibung geben, weil die Vorgänge, die in Sekundenschnelle für den Aufbau einer 2-WegeVerbindung über Hunderte oder gar Tausende von Kilometern ablaufen, sehr komplex sind, denn in heutigen Mobilfunknetzen werden so gut wie alle bisher bekannten und sehr viele neue Techniken der Kommunikations- und Übertragungstechnik zu einem Großen Ganzen zusammengefügt.

Aber vielleicht ist es doch interessant, an geeigneter Stelle Teilaspekte zu betrachten, wenigstens solche, die einen wesentlichen Part des Gesamtsystems ausmachen und wozu Telefunken in seiner Geschichte Erhebliches beigetragen hat.

Noch ein anderes „technisches Wunderwerk“ ist heute in fast jedermanns Besitz: der Satelliten-Heimempfänger. Vor kurzem noch musste man in ein Fachgeschäft gehen, um einen solchen Apparat kaufen zu können, heute nimmt man ihn im Großmarkt, sozusagen „en passant“, wohlverpackt in einem bunten Karton mit, und das kaum 50 Jahre nach dem Start des ersten Nachrichtensatelliten!

So sind die Richtfunk- und Satellitentechnik zusätzlich zur terrestrischen Nachrichtenübertragung - heute insbesondere über Glasfaser-Lichtwellenleiter (GF) – wesentliche Übertragungsmedien, die den Mobiltelefonen die Überwindung der unglaublich großen Entfernungen ermöglichen.

190a tbBild 2: Plattformaufstellung der Antennen am Beispiel Minden/WestfalenWenn man heute aufmerksam durch die Landschaft geht oder fährt, so sieht man immer wieder große und kleine Richtfunktürme; das sind meist schlanke Maste aus Beton oder in Stahlgitterkonstruktion, an die in verschiedenen Höhen Parabolspiegel-Antennen - im Jargon
nennt man das heute etwas unglücklich „Schüsseln“ - montiert sind. So zeigt zum Beispiel das BILD 1 einen Richtfunkturm der Deutschen Bundespost/Telekom in der Stadtmitte von Hamburg. Das BILD 2 offenbart mehr Details, insbesondere erkennt man die „Multifunktionalität“ eines solchen Turmes, der große Antennen für den Nachrichtenweitverkehr, kleinere für Richtfunkzubringer, Mobilfunkantennen und dann noch eine große Rundfunk-Sendeantenne an der Spitze trägt. BILD 3 zeigt eine völlig andere Art eines Richtfunkturmes, nämlich eine einfache Stahlgitterkonstruktion, die in der Türkei ihren Dienst tut.

191a tbBild 3: Stahlgittermast an der Pump- und Kontrollstation der Irak-Türkei-Ölpipeline, 1977Die kleinen Parabolspiegel mit z. B. 50 cm Durchmesser. oder weniger dienen als Zubringer aus dem Mobilfunknetz in das übergeordnete Weitverkehrsnetz und umgekehrt. Ein ganz modernes und aktuelles Beispiel ist in BILD 4 wiedergegeben, auf dem man eine solche Zubringer-Endstelle im Versuchsbetrieb auf dem Dach unseres Werkes mit Backnang im Hintergrund sieht. Der Name dieses Systems ist DRS 2-140/18700. Wir kommen später noch darauf zurück.

Beim Aufbau der ersten digitalen Mobilfunknetze im 900 MHz-Bereich (Dienstbezeichnungen D1 und D2), der zu Anfang des vergangenen Jahrzehnts begann, konnten natürlich sofort Fernübertragungen realisiert werden, weil das in vielen Ländern bestehende stationäre Richtfunk- und Satellitennetz direkt dafür qualifiziert war. Später kam als drittes Mobilfunknetz in Deutschland E-Pius im Frequenzbereich um 1.8oo MHz hinzu, und seit 2002 erobert mit UMTS schon wieder eine neue Technologie unsere „Nachrichtenwelt“, die besonders große Übertragungsbandbreiten erfordert und dafür dann aber neue und noch schnellere Dienste übertragen wird.

Während der Weitverkehr in den Frequenzbereichen von einigen Gigahertz (GHz =109Hz), das sind Wellenlängen im Dezimeter- und Zentimeter-Bereich, stattfindet und außerordentlich „dicke“ Signalbündel von einigen hundert Megabit transportiert, sind die kleinen Zubringer sehr leichte, meist mastmontierte Geräte, die in Frequenzbereichen ab 15 GHz bis über 40 GHz (mm-Wellen-Bereich) als Übertragungsfrequenzen arbeiten.

191bBild 4: Erprobungsstrecke der Anlage DRS 2-140/18700 auf dem Werk in Backnang nach AllmersbachDie Richtfunktechnik war bei Telefunken über viele Jahrzehnte Gegenstand von Forschungsarbeiten, kein Wunder also, dass auch bei einem so hochkomplexen System wie dem Mobilfunk Telefunken von Anfang an intensiv beteiligt war. Natürlich wurde dies dann durch die direkten Nachfolger (ANT, Bosch-Telecom, Bosch SatCom, Marconi Communications in Backnang) fachgerecht weitergeführt.

Die Grundlagenarbeiten begannen – wie auch in anderen europäischen Ländern – bei Telefunken schon zu Anfang der dreißiger Jahre. Dabei machte man sich die in Deutschland Ende der zwanziger Jahre gewonnene Erkenntnis (A. Esau, F. Schröter) zunutze, dass mit Hilfe hochfrequenter Wellen eine Freiraumübertragung von Nachrichten über größere Entfernungen möglich ist. „Hochfrequenz“ nannte man in den Anfangsjahren elektromagnetische Wellen so um die 50 MHz (das bedeutet eine Wellenlänge von 6m), aber je höher die Frequenz, um so besser sind zunächst gewisse Übertragungseigenschaften - vor allem im Hinblick auf die Störanfälligkeit -, allerdings immer nur im Rahmen der so genannten „Radio-Sichtweite“. Damit ist wegen der Erdkrümmung eine Entfernung von ca. 50 km gemeint, die man mit Hilfe natürlicher oder künstlicher Erhöhungen (z. B. Berge oder Sendetürme) relativ leicht überbrücken kann.

192a tbBild 5: Betriebsraum der Deutschen Telekom für DRS 155 / 1922-64 QAMDurch Hintereinanderschaltung von mehreren Strecken mit Hilfe von „Relaisstationen“ kann man im Prinzip beliebig lange Nachrichtenübertragungsstrecken bauen (BILD 5), vorausgesetzt, dass man geeignete Stellen zum Bau von Sendetürmen findet. In den siebziger Jahren gab es in Westdeutschland im Besitz der Deutschen Bundespost über 300 Richtfunktürme. Schwierig wird es nur bei Verbindungen über Wasser für interkontinentale Strecken (z.B. Deutschland - USA) oder bei politischen Hemmnissen, wie seinerzeit die DDR eines in Bezug auf West-Berlin war.

An dieser Stelle muss nun die Satellitentechnik erwähnt werden. Vereinfacht gesagt, ist eine Satellitenstrecke eine Richtfunkstrecke mit einer extrem hohen Relaisstelle, nämlich dem Satelliten selbst, der die gleiche Funktion auszuüben hat wie eine terrestrische Richtfunkrelaisstelle, allerdings und natürlich mit einigen komplizierten Besonderheiten.

Zur Nachrichtenübertragung über Relaissatelliten werden heute im kommerziellen Verkehr im Allgemeinen Synchronsatelliten verwendet. Das sind Satelliten, die in einer Höhe von 36.000 km über dem Äquator synchron mit der Erde umlaufen und daher von der Erde aus gesehen scheinbar stillstehen. Bestückt man den Satelliten -wie eine Relaisstelle - mit Empfänger, Umsetzer, Sender und Antennen, so kann man im Bereich seiner „Radiosichtweite“ – und das sind hier nun, im Gegensatz zum terrestrischen Richtfunk, einige 1.000 km auf der Erdoberfläche - Nachrichten stabil übertragen. Sowohl der Satellit als auch die Bodenstationsantennen müssen allerdings immer wieder ein wenig nachgeführt werden, weil dieses „Stillstehen“ des Satelliten nicht ganz exakt funktioniert, sondern immer ein leichtes Pendeln um den planmäßigen Standort stattfindet. Auch sind im Satelliten besondere Anforderungen zu erfüllen, wie zum Beispiel eigene Stromversorgung, Lage- und Temperaturstabilisierung u.a.m. Weil man ja, beispielsweise, nicht einfach hingehen und reparieren kann, muss die Zuverlässigkeit der gesamten Einrichtung extrem hoch sein. Auch hohe Sendeleistungen und höchste Empfängerempfindlichkeiten sind nötig - und vor allem möchte man eine hohe Übertragungsbandbreite, um im Interesse der Wirtschaftlichkeit möglichst viele Signale gleichzeitig transportieren zu können.

Die Satellitentechnik fand ihre erste zivile, kommerzielle Anwendung mit der Live-Übertragung von TV-Bildern aus den USA nach Europa über „Telstar“ (entwickelt in den Bell Labs der ATT – American Telephone and Telegraph Corp.) im Jahr 1963, und kurz darauf brachte Hughes Aircraft mit „Syncom II“ den ersten voll einsatzfähigen Satelliten auf die bereits 1945 von A.C.Clark (UK) beschriebene Synchronbahn. In den folgenden Jahrzehnten hat sich die Satellitentechnik natürlich weit über die damalige Aufgabe hinaus entwickelt. Hierauf kommen wir weiter unten noch zurück.

An dieser Stelle mag es genügen es, wenn wir die Satellitenstrecken als Sonderfall der allgemeinen Richtfunktechnik betrachten, und es ist evident, dass mit diesen Techniken im Mobilfunk praktisch jede beliebige Entfernung realisiert werden kann. Als weiteres Übertragungsmedium stehen zumindest in den Industrieländern und vor allem in Deutschland leistungsfähige Kabel- und Glasfasernetze zur Verfügung (siehe unter diesem Kapitel).

Der „Witz“ heutiger Netze liegt darin, dass diese „transparent“ sind. Dieser Fachausdruck besagt, dass Signale unterschiedlichster Struktur - als da sind: (viele) Fernsehsignale, Ton/Musik, Gespräche, Daten usw. - über ein und dasselbe Netz gleichzeitig übertragen werden können. Man nennt das „lntegrated Services Digital Network“ (ISDN). Die Signalaufbereitung, die Modulation, zur und die Demodulation (= Decodierung) nach der Übertragung erfolgt allerdings nicht in den Weitverkehrsanlagen selbst, sondern nach wie vor in Multiplexgeräten, die aber jetzt natürlich die Signale digital codieren (siehe das Kapitel „Multiplextechnik“).

192b tbBild 6: Doppelband-Erregersystem für Muschelantenne 2 und 4 GHzWie der Begriff ISDN deutlich macht, sprechen wir heute „nur noch“ von Digitalsignal-Übertragung. Welche riesigen Nachrichtenbündel heute übertragen werden können, geht z. B. daraus hervor, dass große Richtfunkanlagen in Mehrfachausnutzung verfügbarer Frequenzen viele hundert Mbit/s übertragen können, LichtwellenIeiter-Kabel sogar einige Gbit/s (1 Gbit/s = 1 Milliarde Bit/s). Zum Vergleich: Der Informationsgehalt einer DIN-A4-Seite beträgt - je nach Inhalt - vielleicht 100.000 Bit (bei 8-Bit-Codierung). Überträgt man bescheidene 140 Mbit/s, so kann man rund 1.400 Seiten pro Sekunde(!) übertragen, das ist fast unglaublich. Wenn man zusätzlich noch bedenkt, dass Hin- und Rück-Richtung bei Gesprächen (2-Wege-Verkehr, auch 4-Draht-Verkehr genannt) nie über den gleichen Weg laufen, dann wundert man sich, dass jedes einzelne Bit weiß, wo es hin muss. Natürlich erfordert die Realisierung solcher Übertragungsstrecken einen gewaltigen Aufwand, und insbesondere ist selbstverständlich ein hohes technisches Know-how notwendig. Als ein kleines Beispiel ist in BILD 6 ein Multiband-Antennenerreger gezeigt, mit dessen Hilfe man gleichzeitig zwei große Frequenzbänder im 2- und 4 GHz-Bereich in beiden Richtungen auf eine Breitbandantenne schalten kann. Zur Erläuterung kann man mit „analogem Sprachgebrauch“ sagen, dass ein Frequenzband mehrere TV-Farbbild-Kanäle und/oder z. B. 1.800 Gesprächskanäle übertragen kann.

193a tbBild 7: Richtfunkgerät "Michael" im 500 MHz-Band für die Deutsche Wehrmacht, 1936Wir haben bereits mehrfach die so genannte „Radio-Sichtweite“ erwähnt und auch schon erklärt. An dieser Radio-Sichtweite hat sich bis heute natürlich nichts geändert, da es eine physikalische natürliche Größe ist, abhängig von Erdkrümmung und Topografie. Die Richtfunktechniker gingen mit ihren Anlagen immer bis an die Grenzen der Machbarkeit, insbesondere was die Verfügbarkeit der Hochfrequenz-Bauelemente anbetrifft. Früher kamen nur Elektronenröhren zur Signalerzeugung und -Verarbeitung in Betracht, und es war für die Systementwickler sehr vorteilhaft, dass das Haus Telefunken traditionell über leistungsfähige Röhrenwerke verfügte, welche in der Lage und vor allem auch willens waren, den innovativen Anlagen- und Systementwicklern immer das Neueste vom Neuen an die Hand zu geben, obwohl damit immer ein gewisses wirtschaftliches Risiko verbunden war.

Bei Telefunken konnte dadurch die Entwicklung innerhalb weniger Jahre so rasch voranschreiten, dass man schon Mitte der dreißiger Jahre Richtfunkstrecken mit Übertragungsfrequenzen von 500 MHz (Wellenlänge 60 cm) bauen konnte. Erstmals wurde statt der Amplitudenmodulation (AM) die störungsärmere Frequenzmodulation (FM) angewendet.

Der erste Großeinsatz der neuen Technik in diesem Sinne war das umfassende Richtfunknetz der Deutschen Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg, welches im Endausbau von Narvik bis Kreta reichte und - aufaddiert mit vielen Abzweigen - eine Streckenlänge von fast 50.000 km umfasste.

An diesem riesigen Netz, das größtenteils von der Deutschen Luftwaffe betrieben wurde, war außer Telefunken in Berlin maßgeblich nur noch die ebenfalls in Berlin ansässige C. Lorenz AG (ab 1958 SEL = Standard Electric Lorenz AG, jetzt Alcatel in Stuttgart) beteiligt. Die Übertragungskapazität betrug zu Beginn, im Jahr 1936, 1 Sprechkanal, 1938 bereits 1 Sprechkanal plus 1 TelegraphiekanaI (EinIagerungswechselstrom-Telegraphie, abgekürzt EWT), und noch während des Krieges, nämlich 1941, konnten Richtfunkstrecken mit einer Übertragungskapazität von 10 Sprechkanälen in Betrieb genommen werden. Die Richtfunkgeräte bekamen damals (Deck-)Namen. So hieß das erste 1-Kanal-Gerät „Michael“ (BILD 7), das 10-Kanal-Gerät hörte auf den Namen „Rudolf“, Lorenz nannte seine Anlage „Stuttgart“.

Während des Krieges lag natürlich die zivile Übertragungstechnik völlig still, alle Entwicklungsressourcen im Mikrowellenbereich wurden auf das oben erwähnte Wehrmachtsnetz geworfen und auf die ebenfalls neuartige Radartechnik. Diese Technik wurde in Deutschland ursprünglich „Funkmesstechnik“ genannt, heute allgemein geläufig als „Radartechnik“.

Diese Technik- die ebenfalls mit Mikrowellen arbeitet - wurde 1942 großtechnisch von den Engländern eingesetzt und beeinflusste den Luftkrieg zu Ungunsten Deutschlands ganz erheblich. Mit allen denkbaren Anstrengungen wurde deshalb auch bei Telefunken die Entwicklung der „Radartechnik“ vorangetrieben. Das erste deutsche Flakfeuer-Leitgerät von Telefunken war ab 1940 unter dem Namen „Würzburg“ einsatzbereit.

Ganz anders war die Situation natürlich in den USA. Dort konnten bereits während des Zweiten Weltkrieges Mehrkanal-Richtfunkstrecken bis zu einer Betriebsfrequenz von 5 GHz (λ = 6 cm) erprobt und eingesetzt werden, auch die verschiedensten Modulationsverfahren (Amplituden-, Frequenz-, Impulsmodulation) bei Übertragungsfrequenzen von 1,5 bis 8,5 GHz konnten vergleichend erforscht werden. Aktiv waren in den USA auf diesem Sektor insbesondere die beiden Firmen ATT (American Telephone and Telegraph Corp.) mit den Bell-Laboratorien und die ITT (International Telephone and Telegraph Corp.), zwei Großkonzerne, die überdies noch den Vorteil hatten, ihre Entwicklungsergebnisse und Anlagen in eigenen Netzen selbst erproben und betreiben zu können. In England arbeitete die GEC-Marconi eigentlich schon Ende der zwanziger Jahre an der Weitverkehrsübertragung z.B. im 1 GHz-Bereich, zunächst allerdings ebenfalls nur mit 1-Kanal-Übertragung.

194a tbBild 8: Erste Deutsche Breitband-Richtfunk-Anlage der Nachkriegszeit für TV-Übertragung im 1900 MHz-Bereich (FREDA I), 1952.Die in Deutschland durch den Krieg entstandenen technischen und technologischen Lücken mussten nun schnellstens geschlossen werden, wozu sich aber erst ab 1948 - begrenzte – Möglichkeiten boten. Hierbei ist bemerkenswert, was heute nur noch wenige wissen, dass nämlich bis zum Anfang der fünfziger Jahre seitens der Alliierten ein allgemeines Verbot für Forschungs- und  Entwicklungsarbeiten auf dem Gebiet der Hochfrequenztechnik bestand. Überdies hatte Telefunken in Ost-Berlin sowie im Ausland große Teile seines Firmenbesitzes verloren und musste seinerzeit an anderen Orten u.a. in Ulm, wo sich Reste einer zurückverlagerten Wehrmachts-Röhrenfertigung befanden, mit der Anlagentechnik in alten Gebäuden- der „Heeresbrotfabrik“ in der Elisabethenstraße - völlig neu anfangen.

Dabei brachte schon das Jahr 1950 eine grandiose Herausforderung für „die Neuanfänger“ in Ulm, an die 1948 noch niemand dachte oder, besser gesagt, zu denken wagte: Telefunken sollte ein Fernsehbild-Übertragungssystem im 2 GHz-Bereich entwickeln und bereits 1953 die Strecke von Hamburg über Hannover bis Beckum mit sieben Funkfeldern aufbauen (ein „Funkfeld“ ist die Freiraumstrecke zwischen zwei Relaisstellen und, entsprechend der Radiosichtweite, typisch 50 km lang). Den zunächst heimlichen Arbeiten (mit so genanntem „STEG-Material“, das waren Bauelemente z.B. aus abgestürzten Flugzeugen, zerstörten Panzern, Flakgeschützen usw.) folgte dann - weil die Arbeiten nun wirklich „Zivil“ waren - eine erste Lockerung des „HF-Verbotes“. Die neu zu entwickelnden Anlagen erhielten den schönen Mädchennamen FREDA (BILD 8), was natürlich
nicht auf eine willkürliche dichterische oder nostalgische Namensgebung zurückzuführen war, sondern die Abkürzung von „Frequenzmodulierte Dezimeterwellen-Anlage“ bedeutete. Lorenz realisierte den Anschluss von Beckum/Westf. bis Köln/Frankfurt. Die Eile rührte daher, dass die Deutsche Bundespost unbedingt die Krönung von Königin Elisabeth II. im Rahmen der gerade ins Leben gerufenen „Eurovision“ europaweit (natürlich nur, soweit die Länder daran beteiligt waren) übertragen sollte, durfte und wollte.

Der Erfolg war enorm und hat zweifelsfrei bewiesen, dass Signale hoher Übertragungsbandbreite (ein TV-Signal benötigt etwa 5 MHz zur Übertragung) über große Entfernungen mit ausgezeichneter Qualität per Richtfunk im Weitverkehr übertragen werden können – und dass deutsche Firmen hierzu wieder in der Lage waren.

195a tbBild 9: Richtfunkstation "Pfänder" / Vorarlberg der österreichischen PTTDaneben gelang den „Telefunkern“ schon Anfang der fünfziger Jahre die Entwicklung einer PPM-modulierten Anlage (Puls-Phasen- Modulation im 2 GHz-Bereich IDA 22) mit 22 Gesprächskanälen. Dies kann im weitesten Sinne bereits als Vorstufe einer „Digitalsignalanlage“ angesehen werden. Es gab nämlich schon wieder eine neue Herausforderung, nämlich die Fern-Übertragung von Tonkanälen, und so wurden in der Anlage IDA 22 drei  Gesprächskanäle mit je 4 kHz Bandbreite zu einem Rundfunk-Tonkanal mit einer Übertragungsbandbreite von 12 kHz zusammengefasst und hat so ein Tonkanal-Übertragungssystem mit höchster Übertragungsqualität. Auf dieser Basis baute Telefunken dann in den fünfziger Jahren das Tonkanalsystem PPM 24 R zur Übertragung von fünf hochwertigen Tonrundfunkkanälen für die Österreichische Postverwaltung. Dieses System für das „Land der klassischen Musik“ war über Jahrzehnte ein landesweites und allseits bewundertes High-Fidelity-Tonkanal-Übertragungssystem. Natürlich muss man dies unter dem Aspekt der damals gegebenen technischen Möglichkeiten bewerten. Als Bauelemente gab es nur die langsam schaltenden Elektronenröhren. Übrigens ist dieses System, nach einigen Modernisierungen durch die Telekom Austria, noch heute in Betrieb!

Eine der ersten Richtfunkstationen für die PPM 24 R ist in BILD 9 (Pfänder) zu sehen. Diese Station wurde im Laufe der Zeit natürlich stark ausgebaut, insbesondere mit Vielkanal-Weitverkehrssystemen und mit der Technik zur Farb-TV-Übertragung.

Damit wurde nun ein erster Ring von der Gegenwart zurück in die Anfänge des Richtfunks geschlossen, indem ein Weg von den heutigen Digitalsignalanlagen zu den ersten im Zeitmultiplex arbeitenden PPM-Anlagen der fünfziger Jahre gefunden wurde.

All dies gab den Ausschlag für eine rasante Entwicklung des Richtfunks in Deutschland und bei Telefunken. Wie schon erwähnt, ging die Tendenz sehr schnell zu immer höheren Frequenzen. Die Zeit der 1-Kanal-Verbindungen war natürlich längst vorbei. Neben der TV-Signal-Übertragung einschließlich Farb- und Tonsignal mit mehr als 7 MHz Basisbandbreite sprach man schon Ende der fünfziger Jahre von der gleichzeitigen Parallelübertragung von 960 Gesprächskanälen (natürlich in analoger Modulation), und Mitte der Sechziger lieferte Telefunken neben SEL und Siemens bereits Übertragungsanlagen für 1.800 Gesprächskanäle im 6 GHz-Bereich.

Übrigens wurden die Richtfunktechniker aus der „Brotfabrik“ in Ulm bereits 1955 komplett nach Backnang verlegt, weil dort Telefunken die Weitverkehrs-Übertragungstechnik insgesamt konzentrieren wollte. So entstand der Geschäftsbereich „Anlagen, Weitverkehr- und Kabeltechnik“ der Telefunken GmbH mit den Fachbereichen Multiplex-, Richtfunk- und Kabeltechnik. 1972 kam dann noch der Fachbereich „Raumfahrt“ dazu.

Mit dem Einstieg in die Satellitentechnik, der 1962 erfolgte, konnte man in diesem Backnanger Geschäftsbereich schließlich vollständige Übertragungsnetze als System anbieten. Was schließlich aus diesen bescheidenen Anfängen wurde, kann man an der Luftaufnahme des Werkes Backnang in BILD 2 im Kapitel „Das Übertragungssystem“ erkennen.

Eine andere, mindestens ebenso bedeutsame Entwicklung setzte, zunächst zaghaft, Ende der fünfziger Jahre ein, um sich danach umso stürmischer zu entfalten: die Halbleitertechnik. Während beispielsweise die oben erwähnte FREDA noch mit Dutzenden von Röhren unterschiedlichster Funktion bestückt war, enthielt beispielweise das vorhin genannte 1.800-Kanalgerät bei 6 GHz nur noch eine einzige, nämlich eine so genannte Wanderfeldröhre als Ausgangsleistungsstufe, denn alle anderen Baugruppen waren bereits mit Halbleitern bestückt.

Selbstverständlich waren die Geräteentwickler in Backnang bestens informiert und stets mit dem Neuesten vom Röhrenwerk in Ulm versorgt, das auf dem Gebiet der Satelliten-Wanderfeldröhren Ende der sechziger Jahre eine führende Rolle in Europa übernehmen konnte.

196 tbBild 10: Troposcatter-Anlage RF-Station Schäferberg Berlin, 1967Ein echtes Highlight war 1967 der Start des Farbfernsehens in Deutschland mit dem von Telefunken entwickelten PAL-Verfahren. Die Übertragung von Farbfernsehbildern ist hoch sensibel, weil der  Farbträger wegen der Abwärtskompatibilität in das Schwarz-Weiß-Bild eingebettet werden musste. Telefunken hatte für diese Eröffnung den schwierigsten Teil beizutragen: nämlich den Anschluss von West-Berlin an das westdeutsche Farbfernsehnetz. Dies war aus politischen Gründen unabdingbar, schien aber zunächst überhaupt nicht machbar, weil man ja über die damalige DDR keine Richtfunkstrecken in konventioneller Relaisstellentechnik bauen konnte bzw. durfte- in jener Zeit des Kalten Krieges bestanden dafür nicht die geringsten Aussichten.

Doch es gab eine technische Alternative: den Einsatz von so genannten Troposcatter-Strecken, auch Überhorizont-Richtfunk genannt. lm vorliegenden Fall betrug die Streckenlänge 180 km. Zieht man davon den Sichtweitenteil (siehe oben) von 50 km ab, so waren eben 120 km über den Horizont hinaus zu überbrücken, und das mit einem bezüglich des Farbträgers äußerst sensiblen Farbfernsehsignal.

Sichtbare Symbole dieser Anlagen waren über Jahrzehnte die Doppel-Parabol-Antennen mit je 18m Durchmesser am Torfhaus im Harz und am Schäferberg in Berlin (BILD 10). Über diese Anlagen wurde 1967 von Berlin aus das Deutsche Farbfernsehen eröffnet. Erst nach der Wende, also nach fast 25 Jahren, wurden sie außer Betrieb genommen. Als neue, ganz dringliche Aufgabe musste unmittelbar nach der Wende ein leistungsfähiges Kommunikationsnetz in den „neuen Ländern“ aufgebaut werden. Dieses wurde unter der Leitung der Deutschen Bundespost/ Telekom von vornherein als digitales Netz konzipiert und voll in das moderne westdeutsche Netz integriert. Unter Einbindung der von der ehemaligen Robotron in Radeberg übernommenen Bereiche Richtfunk- und Datentechnik in Radeberg errichtete ANT an die 60% der neuen digitalen Richtfunkstrecken in der ehemaligen DDR.

Die Ära der analogen Signalübertragung endete mit der Entwicklung und Inbetriebnahme von Breitbandanlagen der Bezeichnung FM 2700/6700 etwa ab Mitte der siebziger Jahre. Mit diesen Anlagen konnte man 2.700 analoge Gesprächskanäle im Frequenzbereich um 6.700 MHz übertragen. Solche großen Weitverkehrssysteme sind selbstverständlich heute noch in Betrieb und dienen u.a. länderweit zur Fernsehbildübertragung.

Hinfort lag der Schwerpunkt von Telefunken, wie auch bei den anderen Firmen in Deutschland (Siemens und SEL), bei Systemen zur Digitalsignal-Übertragung. Neben den kleineren Geräten, die teilweise oben schon erwähnt wurden, entstand eine Fülle von DRS-Geräten (DRS = Digital Radio Signal) mit immer höheren Bitraten und immer raffinierteren Modulationsverfahren.

197a tbBild 11: Erstes DRS-System in Deutschland: 4 PSK 2-8/15000. Installation am Laberhorn / Oberammergau zur Zugspitze, 1979.So hat man folgerichtig schon sehr früh für den Kapazitätsbereich von z. B. 2 und 8 Mbit/s mit so genannter 4-Phasen-Tastung gearbeitet. Das erste in Deutschland in erheblichen Stückzahlen in Betrieb gegangene System (ab 1980) wurde von Telefunken in Backnang geliefert und hieß 4 PSK 2 x (2-8)/15000, was bedeutete, dass man wahl- bzw. bedarfsweise 2 x 2 oder 2 x 8 Mbit/s über dieses System im 15000 MHz-Bereich übertragen konnte (BILD 11). Die Ähnlichkeit mit den heutigen DRS-Systemen sehr hoher Kapazität und bei hohen Frequenzbereichen (15, 18,  23, 38 GHz). die in den stationären Zubringerdiensten der Mobilfunknetze (D1, D2, ... insbesondere in den Versionen n x 2 Mbit/s) eingesetzt sind, ist unverkennbar (vgl. BILD 4).

Bei Breitbandsystemen mit 140 Mbit/s und mehr ging man zur 16-stufigen Quadratur-Amplitudenmodulation (16 QAM) über und weiter bis zu 64 und 128 QAM. Diese modernsten Technologien wurden alle in den Richtfunklabors von Telefunken (später: ANT oder Bosch-Telecom) erarbeitet und bilden heute noch zum überwiegenden Teil das Rückgrat großer Weitverkehrsverbindungen.

Nun müssen wir aber noch tiefer in die Satellitentechnik einsteigen. Denn nach dem fulminanten Start in die interkontinentale Fernsehbildübertragung in den frühen sechziger Jahren hat die Satellitentechnik ein Eigenleben begonnen, welches im Laufe der vergangenen 40 Jahre zu Aufgaben und Lösungen führte, die weit über die Funktion als reine „Sehr hoch hängende Relaisstelle“ hinausging. Die kommerzielle Nutzung - man meint damit in diesem Zusammenhang die Nutzung der Satellitenstrecken im öffentlichen Nachrichtennetz zur Übertragung von Ferngesprächen, Daten u.a. Diensten - begann mit den Intelsat-Satelliten. Der erste dieser Serie, INTELSAT I (1965), anfangs auch „Early Bird“ genannt, hatte schon wesentliche Merkmale der noch heute verwendeten Satelliten: geostationäre Erdumlaufbahn, Frequenzumsetzung der empfangenen Signale, Filterung, Verstärkung und Abstrahlung mit hoher Leistung. Im BILD 12 ist die Entwicklung der ersten Fernmeldesatelliten vom Versuchssatelliten Telstar bis zum INTELSAT V dargestellt.

197b tbBild 12: Größenvergleich von Nachrichtensatelliten

198a tbBild 13: C-Band-Erdfunkstelle in Raisting / OberbayernDabei musste die Entwicklung in zwei „Segmenten“ verlaufen: einmal die Bodenstationen (so genannte Erdfunkstellen) für die Signalverarbeitung und -umsetzung und die Satellitentechnik selbst. Telefunken und insbesondere Telefunken in Backnang war von Anfang an dabei, und schon die erste Erdfunkstelle der damaligen Deutschen Bundespost in Raisting (Antennenanlage Raisting I, 1962), die zusammen mit der Siemens AG gebaut wurde, war mit Empfangsgeräten und der automatischen Antennennachführung von Telefunken ausgerüstet. Nach dem großen Erfolg dieses ersten kommerziell eingesetzten Fernmeldesatelliten wuchs der Bedarf an Satellitenverbindungen schnell und es begann ein rasanter Ausbau der interkontinentalen Fernmeldeverbindungen. BILD 13 zeigt im Vordergrund die Antennenanlage Raisting I. Die Antenne mit einem Durchmesser von 32 m war mit einem Radom gegen Wettereinflüsse geschützt. Im Hintergrund sind die Antennenanlagen Raisting II und III zu erkennen.

199c tbBild 14: Nachrichtentechnische Einrichtung des Intelsat IVDie Bedeutung der Satelliten-Übertragung für die Schaffung kontinentaler und interkontinentaler Nachrichtenwege führte im Hinblick auf die hohen Entwicklungskosten in vielen Ländern zu staatlichen Förderprogrammen und Kooperationen. So konnten im Rahmen eines Kooperationsprogramms Backnanger Ingenieure 1968 bei der Firma Hughes Aircraft Company in Los Angeles am INTELSAT IV mitarbeiten und nicht nur eigene Erfahrungen einbringen, sondern vor allem viel lernen, nicht zuletzt auch auf dem Gebiet der hochzuverlässigen Fertigungstechnik. Schließlich wurde in Backnang sogar eine komplette nachrichtentechnische Einrichtung des INTELSAT IV integriert.

BILD 14 vermittelt einen Eindruck von ihrer Größe und der Komplexität ihrer Konstruktion.

199b tbBild 15: Deutsch-französischer Satellit "Symphonie"Die erste eigenständige europäische Anwendung dieser Entwicklungen erfolgte im Rahmen des deutsch-französischen Satellitensystems „Symphonie“, das 1974/75 seinen experimentellen Betrieb aufnahm. Für diesen Satelliten wurden von Telefunken eine feste und mehrere transportable Bodenstationen gebaut sowie Teile des Sende- und Empfangszuges im Satelliten selbst. BILD 15 zeigt den Satelliten „Symphonie“, BILD 16 einige der transportablen Bodenstationen.

 

199a tbBild 16: Transportable "Symphonie"-BodenstationenWie oben schon dargestellt, arbeiten Satelliten als Funkrelais in der Erdumlaufbahn. Sie empfangen die breitbandigen Signale im höheren Frequenzbereich und setzen sie in den niedrigeren Bereich um. Eine Frequenzumsetzung ist zur Entkopplung der Sende- und Empfangseinrichtungen notwendig, da Signale von einer gemeinsamen Antenne mit sehr niedriger Leistung kontinuierlich empfangen und mit hoher Leistung wieder zum Boden gesendet werden müssen. Die ersten Generationen der Fernmeldesatelliten arbeiteten im C-Band; genauer gesagt wurden für die Aufwärtsstrecken (vom Boden zum Satelliten) Frequenzen im 6 GHz- Bereich und für die Abwärtsstrecken (vom Satelliten zum Boden) Frequenzen im 4 GHz-Bereich verwendet.

 

200a tbBild 17: C-Band-WanderfeldröhrenverstärkerDie Leistungsstufen im Satelliten enthielten Wanderfeldröhren mit Ausgangsleistungen von 10 W beziehungsweise 13 W. Telefunken war 1964 als erste Firma in Europa in der Lage, weltraumtaugliche Wanderfeldröhren serienmäßig zu liefern. Einen derartigen C-Band-Wanderfeldröhren-Verstärker, bestehend aus der Wanderfeldröhre selbst und der Stromversorgung, zeigt BILD 17.

Wie es aber immer so ist, wenn eine Technik gut ist: Schon wenige Jahre nach Einführung der Satelliten-Übertragung reichten die verfügbaren Bandbreiten nicht mehr aus, und es musste ein neues, höheres Frequenzband für die Satelliten-Übertragung erschlossen werden. Im so genannten Ku-Band werden die Signale zum Satelliten im 14 GHz-Bereich, die Signale vom Satelliten im 11 GHz-Bereich übertragen. Im Rahmen des OTS-Programms (Orbital Test Satellite) der europäischen Raumfahrtbehörde ESA (European Space Agency, früher ESRO, European Space Research Organisation) war Telefunken in Backnang für die Nutzlast - so nennt man das komplette Übertragungssystem im Satelliten - verantwortlich. Parallel dazu wurde eine Satelliten-Test- und Kontrollstation (SCTS, Satellite Control and Test Station) entwickelt, die 1975 in Fucino/ltalien aufgebaut wurde. Die Arbeiten an diesem weltweit ersten Ku-Band-Satelliten (OTS, BILD 18) und der Bau der zugehörigen ersten Ku-Band-Station (SCTS, BILD 19) waren Pionierleistungen, die den Betrieb der vielen heute noch in Betrieb befindlichen Ku-Band-Satellitensysteme einleiteten.

200b tbBild 18: Orbital Test Satellite (OTS) der ESADas erfolgreiche OTS-Programm führte zur Entwicklung des ersten europäischen Satelliten ECS (European Communication Satellite), an dem Telefunken in Backnang wiederum wesentlich beteiligt war und dessen Nachfolger die heutigen EUTELSAT-Satelliten sind. Dafür wurden Mitte der siebziger Jahre in Backnang modernste Übertragungstechniken wie Digitalübertragung mit 180 Mbit/s und Zugriff zum Satelliten im Zeitmultiplex entwickelt.

Schon 1966/67 wurden in einer Studie zum nationalen Forschungsprogramm theoretische Überlegungen zur Realisierung von Satelliten für die Verteilung von Fernsehrundfunkprogrammen angestellt. Dabei war der Grundgedanke, dass man einmalig eine hohe Abstrahlleistung im Satelliten realisiert und dafür bei einer großen Anzahl von Empfangsstationen am Boden deutlich an Aufwand und Komplexität sparen kann. Telefunken und Siemens studierten damals gemeinsam verschiedene Möglichkeiten für die Realisierung solcher „TV-Verteilsatelliten“, u. a. auch eines „Olympia-Satelliten“ zur Ausstrahlung der olympischen Wettkämpfe in München. Diese Arbeiten bildeten die Grundlage für die Entwicklung der deutsch-französischen Fernsehsatelliten „TV-Sat“ und „TDF-1“, die 1986 fertig gestellt wurden. Leider trat beim deutschen TV-Sat der Fehler auf, dass ein Solarflügel nicht ordnungsgemäß ausgeklappt werden konnte, sodass der Satellit seine Aufgaben nicht wie geplant erfüllte. Zudem zeigte es sich, dass die hier verwendete Technik mit den sehr hohen Satelliten-Sendeleistungen schon bald wieder an Bedeutung verlieren würde, und zwar deshalb, weil die enorm schnellen Weiterentwicklungen der Halbleitertechnik den Bau von Heimempfangsanlagen ermöglichte, die wegen sehr viel höherer Empfängerempfindlichkeit mit kleineren Satelliten-Sendeleistungen auskamen.

200c tbBild 19: Satellite Control and Test Station der ESA in Fucino / ItalienSo konnten bald kleine Satelliten-Empfangsanlagen mit Antennen von weniger als einem Meter Durchmesser zum direkten TV-Empfang in sehr großen Stückzahlen gefertigt und preisgünstig verkauft werden. Diese kennt heutzutage schon ein jeder und weiß, dass er diese Satellitentechnik im Supermarkt einkaufen und gleich mit nach Hause nehmen kann. Und dies kaum 25 Jahre nach der ersten kommerziellen Nutzung von Satelliten.

Neben der TV-Übertragung gewann die Datenübertragung von und zu kleinen Bodenstationen, so genannten VSAT (Very Small Aperture Terminals), an Bedeutung. Diese relativ einfach aufgebauten Bodenstationen mit kleinen Antennen werden noch heute zur direkten Datenübertragung in den internen Kommunikationsnetzen großer Firmen eingesetzt und dienen auch zur Fernsprech- und Datenkommunikation mit abgelegenen Orten, z. B. Baustellen und Ortschaften in wenig besiedelten Gebieten. Diese Technologie half unmittelbar nach dem Zusammenbruch des Ostblocks, in diesen Ländern mit äußerst unzulänglicher Fernmelde-lnfrastruktur sehr schnell Nachrichtenverbindungen zu den neuen Partnern in Westeuropa aufzubauen.

201a tbBild 20: Ku-Band-Erdfunkstelle in Usingen / TaunusIm Zuge der rasanten Entwicklung der Satellitentechnik wurden im ln- und Ausland noch weitere Bodenstationszentren aufgebaut. Während Raisting bei Weilheim in Bayern, wie bereits erwähnt, im C-Band (4/6 GHz) arbeitete, wurde Ende der siebziger Jahre mit dem Aufbau einer neuen Station in Usingen im Taunus für den Ku-Bereich (11/14 GHz) begonnen. BILD 20 vermittelt einen Eindruck von der Ausdehnung dieser Erdfunkstelle. Im Vordergrund sind die drei 11/14 GHz-Antennenanlagen Usingen I (ganz vorn) und Usingen II und III zu sehen. Im Hintergrund erkennt man rechts die TV-Sat-Sendestation und links daneben zwei weitere kleinere Anlagen.

Ein besonderer Schwerpunkt der Telefunken-Bordgeräte waren Wanderfeldröhrenverstärker. Diese Verstärker sind noch heute das wichtigste Produkt der Telefunken-Nachfolgefirma Bosch SatCom GmbH bzw. neuerdings TESAT-Spacecom in Backnang.

Aus den ersten Geräten für den Satelliten „Symphonie“ Mitte der siebziger Jahre entstand ein erfolgreiches und in vielen internationalen Satelliten bis heute eingesetztes Geräteprogramm mit Verstärkern für verschiedene Frequenzbänder und Leistungsklassen. Die Stromversorgungsgeräte dieser Verstärker, EPC (Electronic Power Conditioner) genannt, werden in Backnang entwickelt und gebaut. Die Wanderfeldröhren (abgekürzt WFR oder auch TWT) kamen, wie die Röhren für die Richtfunkgeräte, aus dem Telefunken-Röhrenwerk in Ulm, und noch heute werden diese Röhren aus diesem Werk bezogen, das allerdings seit einiger Zeit unter THALES ELECTRON DEVICES firmiert. Es gibt kaum ein besseres Beispiel, an dem sich die heutige Hochtechnologie unter neuem Namen zu ihren Wurzeln bei Telefunken zurückverfolgen ließe. Die in Backnang aus den EPC und WFR hergestellten WFR-Verstärker werden von fast allen Satellitenherstellern der Welt eingesetzt. Sie haben ihre außerordentlich hohe Zuverlässigkeit in vielen Programmen bewiesen.

Neben den WFR-Verstärkern wurden und werden in Backnang noch weitere Satelliten-Baugruppen entwickelt und gebaut. Besonders hervorzuheben sind die Ausgangsmultiplexer. Dabei handelt es sich um Mikrowellen-Filterweichen, mit deren Hilfe die Ausgangssignale mehrerer WFR-Verstärker auf einen Antenneneingang geschaltet werden. Auf deren Technik und Technologie soll hier aber nicht näher eingegangen werden, obwohl auch diese wegen der besonderen Anforderungen höchst interessant sind.

202a tbBild 21: Deutscher Fernmeldesatellit DFS "Kopernikus"Das von AEG-TELEFUNKEN begonnene Satelliten-Geräteprogramm in Backnang wird nicht nur in Fernmeldesatelliten eingesetzt. Auch in den METEOSAT-Wettersatelliten von Eumetsat, in Mobilfunksatelliten von lnmarsat, in Erdbeobachtungssatelliten und weiteren Programmen werden Geräte eingesetzt, deren Ursprünge sich bis in die Telefunken-Ära zurückverfolgen lassen.

Als besonderer Erfolg muss der erste deutsche Fernmeldesatellit (DFS) KOPERNIKUS erwähnt werden. Unter der verantwortlichen Federführung von Telefunken Backnang bzw. dessen Produktbereich „Raumfahrttechnik“ wurde die gesamte fernmeldetechnische Ausrüstung dieses Satelliten entwickelt und gebaut.

Die Auftragserteilung der Deutschen Bundespost erfolgte im Dezember 1983, der Start des ersten Satelliten im Juni 1989. Der Produktbereich war außerdem maßgeblich in dem Konsortium tätig, das die Realisierung des Raumsegments dieses Programms leitete. Außer einer komplexen Ku-Band-Nutzlast enthielt der Satellit auch eine experimentelle Ka-Band-Nutzlast (20/30 GHz), die zur Erprobung der Fernmeldeübertragung im 20/30 GHz-Frequenzbereich diente. Die BILDER 21 und 22 zeigen den Satelliten und den Zusammenbau der Nutzlast in der Satelliten-lntegrationshalle in Backnang.

203a tbBild 22: Integrationshalle in Backnang mit DFS-Kopernikus-NutzlastenMit dem DFS wurde auch der digitale Rundfunk (DSR) mit 16 Kanälen in CD-Qualität als Projekt der DFVLR (Deutsche Forschungs- und Versuchsanstalt für Luft- und Raumfahrt, heute DLR, Deutsches Zentrum für Luft- und Raumfahrt) eingeführt, der sich allerdings wegen der Entwicklung bandbreiteneffizienterer Übertragungsverfahren nicht durchgesetzt hat.

Ab Mitte der achtziger Jahre wurden in Backnang auch Arbeiten an optischen Übertragungsverfahren begonnen - sie bilden noch heute ein wichtiges Tätigkeitsfeld. Im Rahmen des ESA-Programms SILEX (Semiconductor Laser Intersatellite Link) wurde, gemeinsam mit französischen Firmen, ein optisches Terminal entwickelt, mit dessen Hilfe die von den Erdbeobachtungssatelliten HELIOS gesammelten Daten über einen quasi feststehenden Synchronsatelliten direkt zur zentralen Bodenstation übertragen werden sollten. Die mit optischen und mehr noch mit Radarsensoren gesammelten großen Datenmengen lassen sich am besten mit den sehr breitbandigen optischen Übertragungssystemen zur Auswertung in die Erdfunksteilen transportieren. Da die Beobachtungssatelliten zur Erfassung vieler Details auf niedrigen Bahnen fliegen, sind sie jeweils nur für kurze Zeiten sichtbar, und die während eines Umlaufs erfassten großen Datenmengen müssen in der kurzen Zeit der „Sichtbarkeit“ mit hoher Geschwindigkeit zu den Bodenstationen übertragen werden. Hierfür eignen sich optische Verfahren mit ihrer hohen Bandbreite ganz besonders, wenn auch vorher zur Lösung der Probleme der optischen Freiraum-Übertragung im Weltraum neue und schwierige Techniken erarbeitet werden mussten. Beispielsweise werden statt Antennen Teleskope verwendet, die eine sehr starke Bündelung der optischen Strahlung vornehmen. Der Aufbau einer Verbindung zwischen einem sich schnell bewegenden und einem quasi feststehenden Satelliten ist damit eine außerordentlich komplexe Aufgabe. Auch die Laufzeit des Lichts zwischen Sender und Empfänger ist auszugleichen, und deshalb ist eine Vorhaltung bei der Teleskopausrichtung zu berücksichtigen. Dies nur als ein Beispiel für die Problematik, zu der natürlich auch die spätere Nachführung („Tracking“), der Ausgleich der Relativbewegung der Satelliten untereinander und die dadurch verursachte Doppler-Frequenzverschiebung (z. B. bis 10 GHz), gehören.

Neben der inzwischen zu hoher Vollendung entwickelten Übertragung mittels geostationärer Satelliten für den regulären Fernmelde-Weitverkehr wurde in den letzten Jahren verstärkt das Augenmerk darauf gerichtet, den Satelliten auch Vermittlungsfunktionen zu geben. Dies bedeutet nichts weniger, als dass im Satelliten selbst anforderungsbedingte Schaltfunktionen ausgeführt werden. Man kann leicht ermessen, welch komplexe Lösungen hier erarbeitet werden müssen. Und in der Tat sind derzeit die Erfolge noch recht begrenzt, trotzdem darf man als sicher annehmen, dass Satelliten mit Signalverarbeitung an Bord („On Board Processing“) zukünftig an Bedeutung gewinnen werden. Das Werk in Backnang hat schon 1989 auf der ersten europäischen Konferenz über Satellitentechnik (ECSC- 1, European Conference on Satellite Communication) in München über den Stand der Arbeiten umfassend berichtet. Für das neue Mobilfunknetz UMTS, das oben schon erwähnt wurde, wird diese Technik als Ergänzung von wirtschaftlicher Bedeutung sein.

Allerdings ist diese Technik derzeit (2002) noch nicht uneingeschränkt einsatzreif. Wohl aber gibt es in den USA bereits Experimentalsysteme mit der Bezeichnung ATS (Advanced Technology Satellite), um mit „onboard signal processing and routing“ einsatznahe Erfahrungen zu sammeln. Im militärischen Bereich wird diese Technik in den USA schon genutzt, und wir können davon ausgehen, dass 2003 der Einsatz schon deutlich absehbar sein wird.

Mit dem langgehegten Traum der Satelliten-lngenieure von einer „Vermittlungszentrale im Weltall“ schließt sich nun der Kreis, den wir mit dem „Handy“ und den Wurzeln von Telefunken begonnen haben. Und die Backnanger Ingenieure der TESAT-Spacecom sind entschlossen, auch unter diesem Namen dem früheren Telefunken- Geist mit innovativen Lösungen zu entsprechen.

 

 

Mit freundlicher Genehmigung der Nicolaische Verlagsbuchhandlung GmbH, Berlin

 

Telefunken nach 100 Jahren - Das Erbe einer deutschen Weltmarke

Pünktlich zum 100jährigen Jubiläum im Jahre 2003 erschien das Buch Telefunken nach 100 Jahren zur Geschichte des Unternehmens. Eine Gruppe von meist ehemaligen Managern der Firma und befreundeten Fachleuten erstellte in jahrelanger Vorarbeit dieses recht umfassende Bild eines einst weltbekannten Unternehmens. Für alle, die keinen Zugang zu einem Exemplar dieses inzwischen vergriffenen Druckwerks haben, seien die für Backnang relevanten Kapitel mitsamt allen dazugehörigen Bildern hier wiedergegeben.
Dies geschieht mit freundlicher Genehmigung der Nicolaische Verlagsbuchhandlung GmbH, Berlin.

Multiplextechnik

Virtuose Gleichzeitigkeit auf einer Übertragungsstrecke

Von Theodor Pfeiffer und Holm Benndorf

Der Wunsch, über vorhandene Fernsprechleitungen gleichzeitig mehrere Gespräche führen zu können, ist so alt wie die  Fernsprechtechnik selbst. Insbesondere die mangelnde Wirtschaftlichkeit von Fernleitungen, die in den ersten Jahrzehnten des zurückliegenden Jahrhunderts noch an Holzmasten befestigte Freileitungen waren, zwang dazu, Methoden zur Mehrfachausnutzung zu finden. Beispielsweise wurden für eine rund 600 km lange Doppelleitung mit 5 mm starken Drähten etwa 200 t Kupfer benötigt. Dazu kamen die Kosten für die Masten und Isolatoren und relativ hohe Unterhaltskosten.

Der Berliner Physiker E. Ruhmer war wohl der Erste, der - 1909 - versuchte, mehrere Gespräche gleichzeitig zu übertragen, indem er sie durch Amplitudenmodulation in verschiedene Frequenzbänder oberhalb der Hörgrenze umsetzte. Er benutzte als  Wechselstromquelle Bogenlampen, aus deren breitem Spektrum er die „Trägerfrequenzen“ ausfilterte. Auf der Empfangsseite verwendete er abgestimmte Kreise und einen einfachen Detektor. Mit dieser Anordnung gelang es ihm, drei Gespräche über eine kurze Versuchsleitung zu übertragen. Deutlich erfolgreicher waren die Versuche des Amerikaners G.0. Squier, die er im Jahr 1911 mit einem 11 km langen Fernsprechkabel in Washington durchgeführt hat. Er verwendete anstelle der unzuverlässigen Bogenlampen eine  Wechselstrommaschine für Frequenzen zwischen 20 und 100 kHz. Ähnliche Versuche mit Hochfrequenzmaschinen hat ab 1912 auch das Telegraphen-Versuchsamt der Reichspost in Berlin durchgeführt. Erste Versuche mit den noch jungen Elektronenröhren zur Erzeugung, Detektierung und Verstärkung der Trägerfrequenzen erfolgten während des Kriegs in den Jahren 1917/18 bei der Inspektion der Nachrichtentruppe unter Leitung von H. Faßbender und E. Haban. Auf Freileitungen mit 3 mm starken Kupferadern ließen sich Entfernungen bis zu 100 km überbrücken. Auch in den USA wurden wohl während des Ersten Weltkriegs ähnliche Wege beschritten.

Im Jahr 1919, also unmittelbar nach Kriegsende, nahm das Telegraphen-Versuchsamt unter Leitung von K. W. Wagner die unterbrochenen Versuche wieder auf. ln Zusammenarbeit mit Telefunken wurde ein Gerät entwickelt, das drei Gespräche - ein niederfrequentes und zwei trägerfrequente - im Frequenzband 10 bis 50 kHz übertragen konnte. Die Erprobung über eine 300 km lange Freileitung zwischen Berlin und Hannover mit 3 mm starken Adern war erfolgreich. Nach Ergänzung durch die notwendigen Durchschalte-Einrichtungen zu den Vermittlungen konnte dieses erste „Hochfrequenzamt“ Anfang Oktober 1919 dem Betrieb übergeben werden und stellte somit die erste betriebsmäßige Trägerfrequenzanlage in Deutschland dar. Ein knappes Jahr zuvor ging ein ähnliches System der Firma Western Electric auf der Strecke Pittsburgh-Baltimore (396 km) in Betrieb.

182a tbBild 1: Telefunken-Trägerfrequenzgerät aus dem Jahre 1922

BILD 1 zeigt ein weiterentwickeltes Trägerfrequenzgerät für 2 Kanäle aus dem Jahr 1922, BILD 2 das mit diesen Geräten aufgebaute Hochfrequenzamt in Breslau. Die Geräte wurden in Schränken untergebracht, wie sie in der Handvermittlungstechnik üblich waren. Die Trägerfrequenzen für eine Gesprächsrichtung lagen zwischen 10 und 25kHz, die der Gegenrichtung zwischen 25 und 50 kHz. Übertragen wurden jeweils die Träger mit einem 3 kHz breiten Seitenband.

183a tbBild 2: Hochfrequenzamt in Breslau im Jahr 1922

Wie groß der Bedarf und wie schnell die Entwicklung war, zeigt eine Karte von 1922 mit den von Telefunken gebauten bzw. im Bau befindlichen Anlagen (BILD 3). Es sind 22 Strecken mit 44 TF-Kanälen und etwa 5000 km Streckenlänge. Allein in Deutschland existierten 40 trägerfrequente Sprechkreise, die geschätzt 9000 km lang waren. Zum Vergleich: ln den USA waren zur gleichen Zeit rund 18.000 Sprechkreiskilometer installiert.

184 tbBild 3: Streckenplan der von Telefunken gebauten TF-Linien, Stand 1922

Das oben genannte Gerät wurde wenig später in Zusammenarbeit mit Siemens & Halske grundlegend konstruktiv überarbeitet und erhielt die Bezeichnung AMR 223. Durch die nun angewendete Gestellbauweise konnte das Volumen etwa auf die Hälfte reduziert werden.

1924 musste Telefunken seine Aktivitäten auf dem Trägerfrequenzgebiet an die Stammfirmen AEG und Siemens & Halske abgeben, denn nach damaliger Auffassung gehörte dieses Gebiet nicht zum Funk, für den Telefunken zuständig war, sondern zur Draht-Nachrichtentechnik. Siemens hat dann in den Folgejahren das Gerät AMR 223 weiterentwickelt und in verschiedenen Entwicklungsstufen bis in die dreißiger Jahre geliefert. Die AEG nahm erst 1935 die Arbeiten an Trägerfrequenzgeräten wieder auf. Bereits 1938 stellte sie ein Mehrfach-Einzelkanalsystem für acht Kanäle (MEK 8) vor, das sehr erfolgreich war. 10.000 Kanalendstellen dieses Typs wurden in den Jahren 1939 bis 1945 produziert und geliefert. Es war wohl damals das am meisten verbreitete Trägerfrequenz-Gerät (abgekürzt: TF-Gerät).

185a tbBild 4: Diese Leiterplatte (Abm. 50 x 150 mm)- ein moderner TF-Kanalumsetzer aus dem Jahr 1975 - hat ein um den Faktor 1.000 kleineres Volumen als die Kanaleineinheit des in BILD 1 dargestellten TF-Geräts aus dem Jahr 1922. Die Baugruppe ist mit hochwertigen mechanischen Filtern ausgestattet. Rechts oben ist die Struktur eines geöffneten Kanalfilters zu erkennen.Wie bereits erwähnt, wurden 1949 die durch Kriegseinwirkungen örtlich verstreuten Aktivitäten der AEG-Fernmeldetechnik im württembergischen Backnang zusammengefasst. Unter Führung der Deutschen Bundespost arbeitete die AEG nun zusammen mit Siemens & Halske, Mix & Genest und Felten & Guilleaume an einem Konzept für ein einheitliches Trägerfrequenzsystem für 60 Sprechkreise, das auf neuen Kabeln mit 24 symmetrischen Leitungen betrieben werden sollte. Als Vierdrahtsystem benötigte es für jede Sprechrichtung ein getrenntes Kabel, bot jedoch dadurch eine Kapazität von insgesamt 1.440 Sprechkreisen. Manche Fachleute waren damals der Meinung, dass eine solche Kapazität viel zu groß sei und davon noch die Enkelkinder profitieren könnten. Nun, die Entwicklung der nachfolgenden Jahre hat ihre Befürchtungen nicht bestätigt.

Ein wichtiger Schritt für das weitere Gedeihen des Backnanger Unternehmens war die - auch schon erwähnte - Vereinigung der AEG-Fernmeldetechnik mit dem Telefunken-Richtfunk zum Telefunken-Fachbereich Anlagen Weitverkehr (AW) im Jahr 1954. ln den Folgejahren entstanden dort - nunmehr mit Halbleitern bestückte - Trägerfrequenz-Systeme für 120, 300, 960, 2.700 und 10.800 Sprechkreise, die den internationalen CCITT-Empfehlungen entsprachen und in modernster Technologie realisiert wurden (BILD 4 und BILD 5). Hochwertige Filtertechniken (z.B. mechanische Filter oder Quarzfilter) sorgten dafür, dass die frequenzgestaffelten, einseitenbandmodulierten Sprachkanäle sauber getrennt blieben. Die Kanalbündel der genannten Systeme wurden über Koaxialkabel mit ferngespeisten Zwischenverstärkern oder alternativ über Richtfunkstrecken übertragen.
Auch diese genormten kabelgebundenen Übertragungssysteme wurden in Backnang entwickelt und gefertigt, einschließlich der Garnituren für komplette Kabelanlagen. Die Kabel selbst kamen zunächst aus den Kabel- und Metallwerken Neumeyer AG (KMN) in Nürnberg, mit denen die AEG 1949 einen Kooperationsvertrag abgeschlossen hatte. Dort hatte auch eine zu Backnang gehörende Entwicklungsabteilung viele Jahre ihren Sitz, um vor Ort neue Nachrichtenkabel-Konzepte zu entwickeln. Diese Partnerschaft endete 1971 in gegenseitigem Einvernehmen, denn AEG-TELEFUNKEN hatte inzwischen die Kabelwerke Rheydt AG erworben, die fortan-  ab 1972 als AEG-TELEFUNKEN Kabelwerke AG – den Backnanger Fachbereich mit Nachrichtenkabeln belieferte.

185b tbBild 5: Kanalumsetzer-Gestelle in einem Fernmeldeamt. In der 1.4 m breiten Gestellreihe im Vordergrund befinden sich 1.200 Kanaleinheiten des in BILD 4 gezeigten Typs.Ab Mitte der siebziger Jahre waren alle Zentralämter der Deutschen Bundespost mit den breitbandigen V-10800-Systemen ausgestattet und über Koaxialkabel mit jeweils 12 Koaxialpaaren miteinander verbunden. 64.800 Gespräche konnte dieses System gleichzeitig übertragen, das heißt, seine Kapazität war 45-mal größer als die des V-60-Systems aus den frühen fünfziger Jahren. Trotzdem befürchtete damals kein Fachmann, dass das System überdimensioniert sei, denn das „Telefonverhalten“ der Menschen hatte sich in der Zwischenzeit grundlegend geändert.

Doch gehen wir noch einmal ein Jahrzehnt zurück, denn im Jahr 1962 kündigte sich eine neue Technik an, die schließlich die analoge Multiplextechnik verdrängen sollte. ln den USA nahm die American Telephone & Telegraph Company (ATT) als weltweit erste Telefongesellschaft digitale 24-Kanalsysteme (T1-System) in Betrieb. Sie arbeiteten mit Pulscode-Modulation (PCM) und waren für den Einsatz auf den Ortsnetzkabeln der Großstädte ausgelegt. Dort war nämlich die Kapazität dieser Kabel häufig erschöpft und Neuverlegungen waren nur unter großen Schwierigkeiten möglich. Da sich durch die neue Technik die Kabelkapazität plötzlich vervielfachte, waren PCM-Systeme von Anfang an ein Erfolg. Die Fachwelt beobachtete dieses Ereignis mit großem Interesse. Bald darauf befasste man sich auch in Europa und Japan intensiv mit der neuen Technik.

Auch in Backnang wurde ein PCM-Labor eingerichtet, und 1968 ging das erste PCM-System von Telefunken - ausgelegt für 24 Sprachkanäle - im Netz der Bundespost in den Versuchsbetrieb. Seine Wirkungsweise soll kurz erläutert werden: ln einem ersten Schritt tastet ein solches Gerät die zu übertragenden 24 Sprachsignale durch einen rotierenden elektronischen Schalter zyklisch ab. Die Abtastproben werden anschließend in einem Codierer in Binärzeichen verwandelt und zeitlich nacheinander übertragen. Auf der Empfangsseite werden die Signale wieder dekodiert und in einem synchron laufenden elektronischen Schalter auf die entsprechenden Kanäle verteilt, von wo aus sie als niederfrequente Sprachsignale zu den Teilnehmern gelangen. Man nennt solche Multiplexsysteme daher auch Zeitmultiplexsysteme.

Zur gleichen Zeit überlegte eine Systemgruppe in Backnang, wie eine zukünftige europäische digitale Systemfamilie bezüglich Kanalzahl und anderer wichtiger Parameter dimensioniert werden sollte. Telefunken veröffentlichte seine Vorschläge, besprach sie mit den Kunden und Partnern und fand internationale Beachtung mit dem Erfolg, dass die wesentlichen Vorschläge in ihren Grundzügen von CCITT übernommen wurden.

186a tbBild 6: PCM-30-Gestelle in einem Fernmeldeamt.ln der etwa 3,8 Meter langen Gestellreihe befinden sich rund 3800 Kanaleinheiten.Nach der Erprobung der verschiedenen Versuchssysteme der  deutschen Firmen entschloss sich die Deutsche Bundespost, im Jahr 1974 in ihrem Netz einen Großversuch mit neuentwickelten PCM-30-Systemen für 30 Sprechkreise durchzuführen, und forderte die deutsche Industrie auf, sich zu beteiligen. 140 Systeme sollten getestet werden. Backnang lieferte für den Versuch 58 Systeme, die wegen ihrer fortschrittlichen Auslegung große Beachtung fanden und nach der Erprobungsphase in den regulären Betrieb übernommen wurden. In den Folgejahren entwickelte sich die digitale Systemfamilie rasch. Telefunken und später ANT Nachrichtentechnik folgten diesem Trend und lieferten alle gängigen PCM- Multiplexsysteme bis zur Bitrate 620 Mbit/s (7.680 Sprechkreise), welche die DBP bzw. die Deutsche Telekom und andere Kunden benötigte (BILD 6). Im Jahr 1979 schließlich entschied sich die Deutsche Bundespost, ihr Fernmeldenetz vollständig zu digitalisieren. Die analoge Vermittlungs- und Übertragungstechnik war von diesem Zeitpunkt an eine auslaufende Technik.

Heute ist das öffentliche Netz der Deutschen Telekom vollständig digitalisiert, das heißt, die analogen TF-Systeme, die über Jahrzehnte das Rückgrat des Fernmeldenetzes gebildet hatten, sind außer Betrieb. Die Fernmeldeämter sind nun mit digitalen Multiplexsystemen mit Bitraten bis zu 2,5 Gbit/s und einer Kapazität von rund 30.000 Sprechkreisen ausgestattet, die ihre aus Fernsprech-, Daten- und Bildsignalen bestehenden Nachrichtenströme überwiegend über ein weltweit vorbildliches Glasfasernetz übertragen.

Wie die relativ junge Glasfasertechnik entstanden ist, soll etwas später ausführlich berichtet werden. Zuvor jedoch soll noch eine analoge Multiplextechnik erwähnt werden, die auch heute noch in den Energieversorgungsnetzen eine wichtige Rolle spielt.

Wenn man mit dem Auto in der Nähe einer Hochspannungsleitung unterwegs ist und das Autoradio auf den Langwellenbereich (falls vorhanden) eingeschaltet hat, hört man über die ganze Skala hinweg immer wieder seltsame Tonfolgen, ähnlich den Morsezeichen – ein Singen und Zirpen. Das sind die in Tönen verschlüsselten internen Informationen der Energieversorgungsunternehmen!

Spezielle Sende-/Empfangseinrichtungen, die so genannten TFH-Geräte (TFH = Trägerfrequenzübertragung über Hochspannungsleitungen), erzeugen langweilige, mit den Informationen modulierte Trägerfrequenzen, die direkt auf den Hochspannungsleitungen zwischen den Schaltstellen übertragen werden. Die Betriebszentrale verfügt somit über alle relevanten Informationen des Hochspannungsnetzes- auf direktem Weg und mit sehr großer Sicherheit.

187a tbBild 7: Prinzipieller Aufbau einer TFH-Verbindung

Das Entstehen einer großflächigen Elektrizitätsversorgung, gleich nach dem Ersten Weitkrieg, forderte sehr rasch eine von den postalischen Fernmeldenetzen unabhängige, äußerst betriebssichere Nachrichtenübertragung, zunächst allerdings nur für Fernsprechzwecke. Die Postverwaltung nämlich hegte allergrößte Bedenken gegen die Annäherung an die „gefährliche“ Hochspannung, hatte sie doch damals mit ihrem landesweiten Freileitungsnetz schon genug Probleme durch Gewittereinwirkung!

Die erste TFH-Übertragung in Deutschland wurde von Telefunken im Jahr 1920 - kurz nachdem auch die Reichspost ihr erstes Trägerfrequenzsystem in Betrieb genommen hatte - für die Elektrowerke AG auf der 110 kV-Leitung von Golpa/Zschornewitz nach Berlin-Rummelsburg errichtet. Diese Leitung transportierte die aus Braunkohle gewonnene elektrische Energie des damals weltgrößten Dampfkraftwerks (128 MW) in den Berliner Raum. Kraftwerk und Leitung hatte die AEG errichtet. Da war es naheliegend, die Tochtergesellschaft Telefunken mit dieser „leitungsgebundenen gerichteten“ Funkübertragung, wie es damals hieß, zu beauftragen. Zur Ankopplung der Funksignale an die Hochspannungsleitung diente jeweils eine parallel gespannte Antenne, natürlich im gebührenden sicheren Abstand von den Hochspannungsseilen!

187b tbBild 8: TFH-Geräte für Telefonie- und Fernwirkübertragung

Aufgrund der guten Betriebserfahrungen entwickelte Telefunken (zeitweise auch die AEG) diese spezielle Technik dann immer weiter, und auch Wettbewerber traten in das Geschäft ein. Die ursprüngliche Antennenankopplung wurde durch hochspannungsfeste Kondensatoren ersetzt, stromfeste Drosselspulen an den Enden der Hochspannungsleitung verhinderten den Abfluss der Hochfrequenz über die Sammelschiene zu allen anderen Leitungen der Schaltanlage (BILD 7). Diese Hochspannungskomponenten waren stets der Lieferanteil der AEG.

Mit TFH-Geräten konnten nun autarke Selbstwähl-Fernsprechnetze errichtet werden, und die Übertragung von Messwerten und Zählerständen gewann immer größere Bedeutung für die sichere und wirtschaftliche Führung der Hochspannungsnetze im Verbund mit den Kraftwerken (BILD 8). Die späteren Fortschritte der Trägerfrequenz-Übertragung auf Kabeln, wie etwa das Einseitenband-Verfahren, kamen natürlich auch der TFH-Technik zugute, die wegen ihrer weiten Verbreitung besonders auf eine frequenzsparende Schmalbandtechnik angewiesen ist.

So spielen auch heute noch zahlreiche Telefunken-TFH-Geräte eine wichtige Rolle im regionalen Nachrichtennetz der Energieversorgungsunternehmen, und wer die mysteriösen TFH-Klänge hören will, braucht nur das Autoradio auf Langweile einzuschalten.

 

Mit freundlicher Genehmigung der Nicolaische Verlagsbuchhandlung GmbH, Berlin

 

Telefunken nach 100 Jahren - Das Erbe einer deutschen Weltmarke

Pünktlich zum 100jährigen Jubiläum im Jahre 2003 erschien das Buch Telefunken nach 100 Jahren zur Geschichte des Unternehmens. Eine Gruppe von meist ehemaligen Managern der Firma und befreundeten Fachleuten erstellte in jahrelanger Vorarbeit dieses recht umfassende Bild eines einst weltbekannten Unternehmens. Für alle, die keinen Zugang zu einem Exemplar dieses inzwischen vergriffenen Druckwerks haben, seien die für Backnang relevanten Kapitel mitsamt allen dazugehörigen Bildern hier wiedergegeben.
Dies geschieht mit freundlicher Genehmigung der Nicolaische Verlagsbuchhandlung GmbH, Berlin.

Das Übertragungssystem

Die abenteuerliche Schnellverbindung von Endgerät zu Endgerät

Von Theodor Pfeiffer

Viele von uns führen täglich mehrere Telefongespräche, surfen regelmäßig im Internet, verrichten die Bankgeschäfte per "Homebanking" und senden Geschäftspartnern, Freunden und Bekannten E-Mail- oder Fax-Nachrichten. Nur ganz wenigen ist bewusst, dass wir uns mit dem Abnehmen des Hörers oder mit dem Besuch des Internet an ein gigantisches, weltumspannendes Nachrichtennetz anschließen. Über eine Milliarde Teilnehmer sind mit dieser "größten Maschine der Welt" über Kabel oder Funk verbunden, die es ermöglicht, die gewünschten Gesprächspartner binnen Sekunden zu erreichen.

ln Wirklichkeit besteht diese "Maschine" aus vielen dezentralen Einheiten, nämlich den Fernmeldeämtern mit ihren Nachrichtennetzen, die hierarchisch geordnet sind. Wir selbst sind beispielsweise jeweils mit dem örtlichen Fernmeldeamt - dem Ortsamt - verbunden. Darüber hinaus gibt es in Deutschland - je nach
Größe einer Stadt - weitere Fernmeldeämter, nämlich die Knoten-, Haupt-und Zentralämter, über die mit aufsteigender Hierarchie auch immer mehr Gespräche gleichzeitig geführt werden. Die Zentralämter schließlich sind meist auch die Schnittstellen zu unseren europäischen Nachbarn und zu den Ländern auf anderen Kontinenten.

Die Verbindungsglieder zwischen den Ämtern im ln- und Ausland sind Nachrichten-Übertragungssysteme, die so dimensioniert sind, dass auch der intensive Nachrichtenfluss während der so genannten Hauptverkehrszeiten - am späten Vormittag und in den frühen Abendstunden - bewältigt werden kann. BILD 1 zeigt anhand einer Überseeverbindung zwischen Backnang und New York, wie so eine Verbindung aussehen kann und welche Übertragungssysteme zur Verfügung stehen:

Telefongespräch Backnang - New YorkBild 1: Telefongespräch Backnang - New York

Das von dem Backnanger Teilnehmer kommende Sprachsignal gelangt über ein Ortskabel in die Ortsvermittlung, die es als Ferngespräch erkennt und daher an das Verstärkeramt weiterleitet.
Hier wird es - zusammen mit den Sprachsignalen anderer Teilnehmer - in so genannten Multiplexgeräten zu einem Gesprächsbündel zusammengefasst, das dann über ein Fernkabel zum hierarchisch höherstehenden Fernmeldeamt in Stuttgart gelangt. Dort wird es durch weitere Multiplexprozesse in ein Gesprächsbündel für den Überseeverkehr in die USA eingereiht und über Richtfunkanlagen und/oder Fernkabel zur Erdfunksteile übertragen. Ein Nachrichtensatellit übernimmt den Transport über den Atlantik in die USA. Dort werden die Gesprächsbündel wieder aufgelöst, und das Backnanger Sprachsignal gelangt über ein (hier nicht  eingezeichnetes) Fernmeldeamt in New York zu dem gewünschten Teilnehmer. Anstelle der Satellitenverbindung können auch Seekabelsysteme den Überseetransport übernehmen. Beide Übertragungssysteme sind so leistungsfähig, dass zusätzlich auch noch Fernsehsignale übertragen werden können.

Telefunken hat sich seit den frühen Tagen der Telekommunikation mit solchen Multiplex- und Übertragungssystemen befasst, und manche Pionierleistung hat diese bemerkenswerte Technik vorangetrieben. Insbesondere in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg hat sie sich rasant weiterentwickelt, doch der Ort des Geschehens war nun nicht mehr Berlin, sondern das bereits erwähnte Backnang, eine mittelgroße württembergische Stadt in der Nähe Stuttgarts. Dort fasste die AEG im Jahr 1949 ihre durch die Kriegswirren örtlich weit verstreuten Aktivitäten auf dem Gebiet der Fernmeldetechnik unter der Leitung von G. Wuckel zusammen und gründete den Bereich "AEG-Fernmeldetechnik (AEG/FT)". Fünf Jahre später, am 1. Oktober 1954, entschied der AEG-Vorstand, die AEG Fernmeldetechnik in die Tochtergesellschaft TELEFUNKEN GmbH einzubinden und die Richtfunktechnik von Telefunken von Ulm nach Backnang zu verlegen. Damit war der Grundstein für den Telefunken-Fachbereich "Anlagen Weitverkehr (AW)" gelegt, der sich in den Folgejahren so erfreulich entwickelte, dass Werke in Offenburg und Schwäbisch Hall aufgebaut werden mussten (BILD 2). Doch mehrfach haben sich im Lauf der Zeit der Firmenname und später auch die Besitzverhältnisse geändert. Eine kurze Übersicht soll dies im Einzelnen zeigen:

Das Werk in Backnang, Gerberstraße 33Bild 2: Das Werk in Backnang, Gerberstraße 33

1963 wurde Telefunken in eine Aktiengesellschaft umgewandelt und 1967 mit der AEG zur AEG-TELEFUNKEN AG verschmolzen. Von nun an firmierte das Backnanger Unternehmen viele Jahre lang als "Fachbereich Weitverkehr und Kabeltechnik". Als die AEG 1981 in eine finanziell schwierige Lage geriet, wurde der Bereich im Dezember 1981 als AEG-TELEFUNKEN Nachrichtentechnik GmbH (ATN) verselbständigt und 49% der Geschäftsanteile an das Firmenkonsortium Robert Bosch GmbH (20 %), Mannesmann AG (20 %) und Allianz AG (9 %) veräußert. Nachdem AEG-TELEFUNKEN im August 1982 Vergleich anmelden musste, machten die genannten Firmen von ihrem Recht Gebrauch, zum Schutz der ATN die AEG-Anteile zu übernehmen. Ihre Beteiligungen wuchsen damit proportional auf 41% / 41 % / 18 %. Ab April 1983 erhielt das Backnanger Unternehmen den neuen Firmennamen ANT Nachrichtentechnik GmbH (ANT). 1988 übernahm die Robert Bosch GmbH die von Mannesmann gehaltenen Geschäftsanteile und wurde damit zum Mehrheitsgesellschafter. Die ANT wurde 1989 in den neugegründeten Unternehmensbereich Bosch Telecom eingegliedert - zu dem auch die Telenorma GmbH, die Teldix GmbH und die Öffentliche Vermittlungstechnik GmbH gehörten - und erhielt im Firmenlogo den Zusatz "Bosch Telecom". 1995 wurde der Unternehmensbereich neu geordnet und im Handelsregister als Bosch Telecom GmbH eingetragen. Damit verschwand der Name ANT, der sich in einem guten Jahrzehnt einen hervorragenden Klang erworben hatte.
Zum 1. Februar 2000 trennte sich die Bosch Telecom GmbH von der Sparte "Öffentliche Netze" in Backnang und Offenburg und übertrug ihre Anteile auf die Marconi Communications GmbH. Lediglich die Satellitentechnik verblieb noch zwei Jahre bei Bosch Telecom und firmierte dort unter dem Namen Bosch Satcom GmbH. Am 1. Dezember 2001 schließlich wurde diese Gesellschaft von der Astrium GmbH, einer Tochtergesellschaft der EADS, erworben. Sie nennt sich nun TESAT Spacecom GmbH & Co. KG und hat ihren Sitz weiterhin in Backnang.

Wie auch immer der jeweilige Firmenname in Backnang lautete, der Ideenreichtum, das Engagement und das Know-how der Mitarbeiter blieben lebendig und waren ein wichtiges Kapital des Unternehmens.

ln den nachfolgenden Kapiteln sollen nun die wichtigsten Backnanger Arbeitsgebiete beschrieben werden, insbesondere diejenigen, die auf dem Gebiet der öffentlichen Netze tätig waren. Die militärische Nachrichtentechnik wird später im Abschnitt "Elektronik für Sicherheit und Verteidigung" behandelt.


"Die Backnanger" …

und "die Ulmer" (Telefunker) bildeten - bis zum sich abzeichnenden Anfang vom Ende von AEG-TELEFUNKEN um 1981 – gemeinsam zunächst den Geschäfts-, später den Unternehmensbereich "Nachrichtentechnik".
 
"Backnang" mit seinen weiteren inländischen Standorten in Offenburg, Schwäbisch Hall und Welfenbüttel war Synonym für "Anlagen Weitverkehr und Kabeltechnik" - "Ulm" dagegen mit den weiteren Standorten in Berlin, Bremen, Eiweiler, Kiel und Landsberg Synonym für "Anlagen Hochfrequenz".

Zwei "Bruder"-Bereiche, die sich fachlich und bezüglich ihrer Schwerpunktmärkte gegenseitig trefflich ergänzten; beide zuverlässige Gewinnbringer für den Konzern. Keine Gründe also für hie und da mehr oder weniger fein dosierte Sticheleien, wie doch sonst zwischen Geschwistern üblich? Gar keine? Nein ... oder doch?!

Ulm war und ist die große Münsterstadt an der - nie blauen - Donau, Backnang - "Wo liegt Backnang?" - war und ist die liebenswerte Fachwerk-Stadt an der kleinen Murr (die seinerzeit noch Gerberlohen-Duft verbreitete). "Die Ulmer" machten erheblich mehr Umsatz, noch dazu überwiegend mit militärischen Geräten und Systemen. "Die Backnanger" machten beachtlichen, aber eben weniger Umsatz mit Schwerpunkt in einem deutlich begrenzten, dem damaligen fernmeldetechnischen Post-Markt, also mit "Zivilen" Geräten und Systemen.

Eine gewisse unvermeidbare Hochnäsigkeit und Arroganz des größeren als Herausforderung gegenüber dem kleineren Bruder und die vornehme Zurückhaltung bei gleichzeitig feinfühligem, in Charme gehülltem Zurückschlagen "der Backnanger" kennzeichneten die von Geschwisterliebe getragene Partnerschaft.

ln den sechziger Jahren kursierten darüber so manche Witze. Eine Variante passt am besten in den Mund eines Berliner Telefunkers (von denen gab es damals eine große Anzahl, speziell in Ulm): Mit der Perspektive des Weltstädters und in dem ihn kennzeichnenden Bewusstsein "Mir kann keener" sorgte er "im Notfall" für Entspannung zwischen den beiden Geschwistern mit der friedenstiftenden, uns leider nur mündlich überlieferten Formel:

"Wat soll sein? Ulm is'n Dorf mit Beleuchtung und Backnang eens ohne!"

Das entbehrte natürlich jeder sachlichen Grundlage. - Richtig ist aber doch, dass Backnang erst mit den "Telefunkern", die ab Mitte der fünfziger Jahre als Kerntruppe zur Bildung des Bereichs "Weitverkehr und Kabeltechnik" von Ulm (!) nach Backnang kamen, Zutritt zur "Ehrengilde der High-Tech-Städte" fand, und heute ist diese Stadt "vor den Toren Stuttgarts, mit sauberer Industrie in lieblicher Umgebung ein erlebenswertes Kleinod in rauer, hektischer Zeit".

 

 

Mit freundlicher Genehmigung der Nicolaische Verlagsbuchhandlung GmbH, Berlin

Suchen

Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden.
Weitere Informationen Ok