Telefunken – Ein Rückblick

Uwe GellertUwe GellertUwe Gellert, langjähriger Mitarbeiter der Telefunken Sendertechnik in Berlin nimmt den Niedergang seines Unternehmens zum Anlass, zurück zu blicken. Dabei erleben wir die spannende Geschichte der Telefunken-Gründung, die Jahrzehnte des Aufstiegs zu einer Weltmarke und das traurige Ende dieses für die ursprüngliche Namensgebung so wichtigen Teils des Unternehmens.

2004, 30 Minuten; mit freundlicher Genehmigung des Autors

 

 

 

Flash-Prüfung

"Rückblick" - oder die verwegene Idee, einen Film über "seine" Firma zu drehen.

Von Uwe Gellert

Vorgeschichte.

Es war im Sommer 1993, in der heute nicht mehr existierenden Firma TELEFUNKEN Sendertechnik in Berlin-Moabit, bei der ich langjährig beschäftigt war. Als ich im Senderprüffeld mit Lampen, Stativen und einer Filmkamera auftauchte, um einen der letzten Großsender zu filmen, den TELEFUNKEN in Auftrag hatte, hielten mich die unvorbereiteten Kollegen wohl für verrückt. Andere reagierten mißgünstig und so gab es auch einigen Ärger.


Um TELEFUNKEN in Berlin sah es zu dieser Zeit nicht günstig aus. TELEFUNKEN, die eine alleinige Tochter der Allgemeinen Elektricitäts-Gesellschaft war, wurde 1967 mit ihr zur neuen Firma "Allgemeine Elektricitäts-Gesellschaft AEG-TELEFUNKEN" verschmolzen. 1985 hatte uns AEG-TELEFUNKEN die Identität geraubt, indem der Name TELEFUNKEN gelöscht wurde. Nicht genug.
Der Senderbereich, der einst die Berliner Urwurzel von TELEFUNKEN war, wurde dann auch noch der Schreibmaschinentochter AEG-Olympia AG zugeordnet. Diese Entscheidung hatte alle "Senderbauer" niedergeschmettert und auch unsere Kunden sehr verunsichert. Die Auftragseingänge gingen stark zurück.

Heute gibt es keine AEG-Olympia und auch keine AEG Aktiengesellschaft mehr. Aber die Senderfirma existiert noch, wenn auch zwischenzeitlich als TELEFUNKEN SenderSysteme Berlin AG neu gegründet und seitdem in Berlin-Spandau ansässig.

Leider verlor sie 2006 ihren Namen TELEFUNKEN und heißt jetzt TRANSRADIO SenderSysteme Berlin AG, da es mit der TELEFUNKEN Licenses GmbH keine Einigung über die Verlängerung der Nutzungsrechte für den Namen TELEFUNKEN gab.

Damit verlor Berlin nach 103 Jahren die "Wiege" von TELEFUNKEN und deren Traditionsnamen.

TRANSRADIO gab es zwischen 1918 und 1931 schon einmal. Es war eine Tochterfirma der Telefunken Gesellschaft für drahtlose Telegraphie mbH, mit Sitz in Berlin-Kreuzberg, die 1920 bei Nauen die berühmte Großstation fertig stellte.

Der Filmanfang in Nauen.

Nauen bei Berlin, eine sehr alte Kreisstadt, wurde durch den Funk weltbekannt. Denn hier begann TELEFUNKEN 1906 mit den ersten deutschen Großfunkversuchen.

Die Sendestation bei Nauen war in den ersten Jahrzehnten eine eigene TELEFUNKEN-Station, die sich zur größten Funkstation der Erde entwickelte. "Nauen" war Deutschlands Nachrichtenträger zur Außenwelt. Das berühmte Nauener Zeitzeichen war weltweit zu hören. Nach dem Ende des 2. Weltkriegs wurden die Funkanlagen durch die sowjetische Siegermacht demontiert.

1954 nahm Ostdeutschland an gleicher Stelle wieder den Funkbetrieb auf. Und wieder wuchs die Station zu einer der größten der Welt, die aber leider für unsere westberliner Firma nicht zugänglich war.
Erst 1993 - drei Jahre nach der deutschen Vereinigung - verschlug es auch TELEFUNKEN wieder nach Nauen. Zunächst durch einen Kleinauftrag, an dem ich mitarbeiten konnte, später mit neuen Großsendern.
Es versteht sich von selbst, dass die Nauener auch die Historie von TELEFUNKEN genau kannten. Die freundlichen Funkleute zeigten mir alte Telefunken-Schriften, deren Existenz mir bis dato unbekannt waren.
Telefunken-Schriften, Funkleute und meine Arbeit auf der Station waren die Auslöser, ein kleines Filmchen über meine Firma zu versuchen. Als Amateurfilmer versteht sich. Trotzdem hatten mich die Leute von der Station unterstützt und ich bekam sogar von zuständiger Stelle eine Drehgenehmigung.

Von TELEFUNKEN in Nauen zeugten nur noch das schöne Stationsgebäude von 1920 und diverse Antennenfundamente. Im Gebäude befanden sich eine große Anzahl von 10 kW-KW-Nachrichtensendern, die fast alle aus Ost-Berliner Produktion stammten. Ich konnte noch einige filmen, denn kurze Zeit später waren sie alle verschrottet, weil ihre Aufgabe durch die deutsche Wende beendet war.
Interessant für mich war die Kurzwellen-Rundfunksendestation, die gegenüber dem historischen Stationsgebäude ab 1964 neu entstanden war und heute, bis auf die einzigartige dreh- und schwenkbare Antenne, nicht mehr existiert.

Ich weiß nicht mehr genau, wie oft ich 1993 die Stationsleute durch meine Filmerei belästigt hatte. Am liebsten wäre ich auch noch auf die bis zu 170m hohen Antennentürme geklettert, die reichlich auf der Station vorhanden waren.

Am interessantesten für mich war natürlich die dreh- und schwenkbare Antenne, eine Eigenentwicklung von Berliner VEB-Betrieben, die bereits 1964 in Betrieb ging.
Diese Antenne, auf die man auf der Station stolz ist, sollte wegen ihrer technischen Möglichkeiten weiterbestehen. Deshalb wurde sie nach der Wende restauriert und erhielt 1993 von TELEFUNKEN eine neue Antriebssteuerung.

Ein Kollege arbeitete mit mir auf dieser Antenne. So hatte ich damals die Idee, ihn als Erzähler in meinem Film einzubauen, damit dieser - wenn schon nicht perfekt – wenigstens eine persönliche Note bekommt. Die Aufnahmen vor dem Arbeitsamt wurden erst 9 Jahre später nachgedreht. Da waren wir beide notgedrungen schon Frührentner geworden. Die wenigen Szenen in meiner früheren Firma sind leider etwas zu kurz gekommen. Die hatte ich mehr oder weniger heimlich - aus Rücksichtnahme - "aus der Hüfte geschossen". Also, damit allein konnte man unmöglich einen Film machen!

Jahre später, als ich nicht mehr bei TELEFUNKEN war, bin ich noch öfters in Nauen aufgetaucht um noch was nachzudrehen. Dort entstand durch die Deutsche Telekom ab 1996 wieder eine völlig neue Rundfunksendestation für die Deutsche Welle, mit modernsten Kurzwellen-Großsendern von TELEFUNKEN und zwar auf dem historischen Stationsgelände von 1906, wo TELEFUNKEN einstmals begann.
Kopfschmerzen machte mir immer das fehlende historische Bildmaterial für den Film. Inzwischen war die AEG aufgelöst und ihr wertvolles Archiv mit den TELEFUNKEN-Beständen im Deutschen Technikmuseum Berlin gelandet. 31 LKW - Lastzüge voller Material als Geschenk. Für mich war es aussichtslos da ranzukommen. Mein Gesuch, preiswert Material zu erhalten, wurde zuerst mehr oder weniger abgeschmettert.
Jahre danach trafen sich einige AEG - Enthusiasten im Archiv des Deutschen Technikmuseums zwecks einer Sonderausstellung. Glückliche Umstände verhalfen mir zur Teilnahme an diesen Treffen und letztendlich zum Erhalt des Bildmaterials.

Da aber viele statische Bilder in einem Film langweilig sind, mußte ich mir ein paar Tricksequenzen einfallen lassen, die zwar ziemlich dilettantisch wirken, aber eine Heidenarbeit gemacht hatten, da dazu hunderte von Einzelbildern notwendig waren. Der ganze Film wurde auf Superachtfilm gedreht, mit einer umgebauten Bolex H8 Normalacht-Filmkamera mit Federwerkantrieb, aus dem Jahre 1961. Vertont wurde mit einer selbstgebauten Synchrontonanlage auf perforiertem Spezialtonband.

1999 war der Film mit dem traurigen Ende meiner ehemaligen Firma fast fertig. Denn die TELEFUNKEN Sendertechnik war schon 1995 an ein amerikanisches Senderunternehmen verkauft worden, welches ein paar Jahre später die TELEFUNKEN Sendertechnik liquidieren ließ. Das wäre das Ende gewesen, doch dann kam das, womit ich überhaupt nicht gerechnet hatte. Ein Teil meiner ehemaligen Kollegen gründeten mit eigenem Kapital, einem Investor, sowie einer Bürgschaft des Berliner Senats, ihre eigene TELEFUNKEN SenderSysteme Berlin AG.

Also wieder weiterfilmen. Inzwischen hatte Kodak die Lieferung meines DS8-Filmmaterials eingestellt. Der Film konnte gerade noch zu Ende geführt werden. Ein Spezialunternehmen (ich glaube das einzige noch existierende überhaupt) hat den fertigen Film mit dem Flying Spot-Verfahren und meinem Spezialtonband auf Video überspielt. Ein teures Vergnügen aber dennoch für mich unzureichend, weshalb ich den Film mit Hilfe eines Video-Schnittsystems noch einmal überarbeitet habe.

Gedacht war der Film ausschließlich als Teilnahmebeitrag an einem Filmwettbewerb im Bund Deutscher Film Amateure. Nach dem Wettbewerb konnte der Film noch ein Jahr lang auf der Sonderausstellung "Der Stern von Telefunken-Geschichte einer Weltfirma" im Deutschen Technikmuseum Berlin gezeigt werden. Im Zusammenhang mit dieser Ausstellung hatte ich vom Film eine limitierte Serie DVD-Scheiben pressen lassen.

Die Filmbearbeitung, die sich über Jahre hinschleppte, erfolgte überwiegend zu Hause im Wohnzimmer, wobei mir meine Frau immer wieder Mut zum Weitermachen gab.
Auch wenn der Film keinen Anspruch auf Vollkommenheit stellt, so kann ich vielleicht für mich in Anspruch nehmen, dass ich zu den seltenen Filmamateuren zähle, die jemals einen Film über ihre Firma versucht haben.


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