Verzeichnis der Veranstaltungen

Große Entdeckungsreisen und das Problem mit dem Längengrad
Referent: Dr. Gerhard Ohm, Sulzbach
Datum: Mittwoch, 6. April 2016
Ort: Technikforum Backnang
 

Dr. Gerhard OhmDr. Gerhard OhmWeltumsegler Gerhard Ohm faszinierte mehr als 150 Zuhörer mit spannenden Details von den großen Seereisen der Vergangenheit.

Das Verständnis für die Gegebenheiten unserer Welt entwickelte sich nur langsam. Die Kugelgestalt der Erde wurde als Tatsache akzeptiert und die Berechnung ihres Umfanges gelang schon ein Vierteljahrhundert vor unserer Zeitrechnung. Vor etwa 500 Jahren brachte der aufkommende Handel in der damals bekannten Welt wirtschaftlichen Aufschwung. Europa handelte mit höher entwickelten muslimischen Ländern, mit China, Indien und Südostasien. Begehrt waren Gewürze, Seide, Baumwolle, Gold, Edelsteine und Porzellan.

Dies alles lief vornehmlich auf unsicheren Landwegen und im Mittelmeer auf Schiffen Venedigs und Genuas. Nach dem Fall Konstantinopels (1453) verlieren Venedig und Genua den Seehandel und der Asienhandel liegt fast ausschließlich in osmanischer Hand. Jetzt begann die Suche nach Seewegen Richtung Asien. Portugal ist zu dieser Zeit die bestimmende Seemacht. Heinrich der Seefahrer finanziert die Suche nach dem Seeweg Richtung Indien. Nach Heinrichs Tod (1460) werden die Fahrten in Küstennähe Afrikas fortgesetzt. Bartolomeu Dias gelingt 1488 die Fahrt um die Südwestspitze des Kontinents. Sein König tauft diesen markanten Punkt „Kap der guten Hoffnung“.

Problem der Seefahrer und ihrer Kartographen ist die Ortsbestimmung mittels Breiten- und Längengrad. Dieses Koordinatensystem wurde bereits von Ptolomäus 150 n. Chr. eingeführt. Der Nullmeridian verläuft seit 1884 per Definition durch Greenwich. Der Breitengrad lässt sich gut durch Messung der Höhe des Polarsterns erfassen. Der Winkel gegenüber dem Horizont ergibt den Breitengrad. Bei Tage wird die Höhe der Sonne im Höchststand über Horizont gemessen. Winkel wurden mit Quadrant oder Jakobsstab gemessen. Die genaue Position zeigen nautische Tabellen. Bei der Bestimmung des Längengrads wurde es schwieriger. Bekannt war, dass die Differenz zwischen Ortszeit und der Zeit an einem Ort bekannter Länge den Längengrad ergibt Die Erde rotiert ja um 360° in 24 Stunden. Das Problem war die Zeitmessung. Genaue Uhren standen nicht zur Verfügung. Lange Zeit gelang die Längenbestimmung indirekt nur mittels sog. Koppelnavigation. Von einem bekanntem Ort z.B. dem Hafen wird der Schiffsort (Koppelort) aus Kurs, Fahrt und Zeit berechnet und in die Seekarte eingetragen. Hier summierten sich Fehler auf, die teilweise zu gravierenden Abweichungen führten.

Man weiß heute, dass Kolumbus aufgrund seiner niedergelegten Beobachtungen erheblich von der von ihm aufgezeichneten Route abgewichen ist. Dieses Problem hatten letztlich alle berühmten Seefahrer von Vasco da Gama über Magellan bis Francis Drake. Im Jahre 1714 setzt das englische Parlament im Longitude Act Preise für die genaue Bestimmung des Längengrads aus. Am Ende waren zwei Bewerber erfolgreich: John Harrison und Tobias Mayer der in Marbach am Neckar geborene Astronom und Kartograph. Harrison baute verschiedene Uhren, die während aufwendiger Testfahrten bewertet wurden. Sein Preisgeld musste er sich mühsam erstreiten. Tobias Meyer schlug die Monddistanzmethode vor. Der Mond umrundet die Erde in 27,3 Tagen, aus der Position des Mondes am Sternenhimmel ist die Uhrzeit ablesbar. Voraussetzung ist, dass die Mondbahn vorausberechnet und als Tabellenwerk vorhanden ist. Nach langwierigen Prüfverfahren beschließt 1765 das englische Parlament 3.000 £ an Mayers Erben zu zahlen. James Cook testet auf seinen beiden Weltreisen beide Verfahren. Danach ist das Längenproblem grundsätzlich gelöst. Die Schiffsuhren werden ständig besser und billiger, die Monddistanzmethode ist weniger attraktiv, wird aber bis etwa 1900 noch angewendet. Heute bietet die Satellitennavigation GPS für jedermann eine nahezu kostenlose Ortsbestimmung auf dem Handy.

Die wunderbare Atmosphäre im Technikforum inmitten imposanter Beispiele aus Backnangs Industriegeschichte bildete einmal mehr den idealen Rahmen für Veranstaltungen dieser Art.

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