Telefunken nach 100 Jahren - Das Erbe einer deutschen Weltmarke

Pünktlich zum 100jährigen Jubiläum im Jahre 2003 erschien das Buch Telefunken nach 100 Jahren zur Geschichte des Unternehmens. Eine Gruppe von meist ehemaligen Managern der Firma und befreundeten Fachleuten erstellte in jahrelanger Vorarbeit dieses recht umfassende Bild eines einst weltbekannten Unternehmens. Für alle, die keinen Zugang zu einem Exemplar dieses inzwischen vergriffenen Druckwerks haben, seien die für Backnang relevanten Kapitel mitsamt allen dazugehörigen Bildern hier wiedergegeben.
Dies geschieht mit freundlicher Genehmigung der Nicolaische Verlagsbuchhandlung GmbH, Berlin.

Multiplextechnik

Virtuose Gleichzeitigkeit auf einer Übertragungsstrecke

Von Theodor Pfeiffer und Holm Benndorf

Der Wunsch, über vorhandene Fernsprechleitungen gleichzeitig mehrere Gespräche führen zu können, ist so alt wie die  Fernsprechtechnik selbst. Insbesondere die mangelnde Wirtschaftlichkeit von Fernleitungen, die in den ersten Jahrzehnten des zurückliegenden Jahrhunderts noch an Holzmasten befestigte Freileitungen waren, zwang dazu, Methoden zur Mehrfachausnutzung zu finden. Beispielsweise wurden für eine rund 600 km lange Doppelleitung mit 5 mm starken Drähten etwa 200 t Kupfer benötigt. Dazu kamen die Kosten für die Masten und Isolatoren und relativ hohe Unterhaltskosten.

Der Berliner Physiker E. Ruhmer war wohl der Erste, der - 1909 - versuchte, mehrere Gespräche gleichzeitig zu übertragen, indem er sie durch Amplitudenmodulation in verschiedene Frequenzbänder oberhalb der Hörgrenze umsetzte. Er benutzte als  Wechselstromquelle Bogenlampen, aus deren breitem Spektrum er die „Trägerfrequenzen“ ausfilterte. Auf der Empfangsseite verwendete er abgestimmte Kreise und einen einfachen Detektor. Mit dieser Anordnung gelang es ihm, drei Gespräche über eine kurze Versuchsleitung zu übertragen. Deutlich erfolgreicher waren die Versuche des Amerikaners G.0. Squier, die er im Jahr 1911 mit einem 11 km langen Fernsprechkabel in Washington durchgeführt hat. Er verwendete anstelle der unzuverlässigen Bogenlampen eine  Wechselstrommaschine für Frequenzen zwischen 20 und 100 kHz. Ähnliche Versuche mit Hochfrequenzmaschinen hat ab 1912 auch das Telegraphen-Versuchsamt der Reichspost in Berlin durchgeführt. Erste Versuche mit den noch jungen Elektronenröhren zur Erzeugung, Detektierung und Verstärkung der Trägerfrequenzen erfolgten während des Kriegs in den Jahren 1917/18 bei der Inspektion der Nachrichtentruppe unter Leitung von H. Faßbender und E. Haban. Auf Freileitungen mit 3 mm starken Kupferadern ließen sich Entfernungen bis zu 100 km überbrücken. Auch in den USA wurden wohl während des Ersten Weltkriegs ähnliche Wege beschritten.

Im Jahr 1919, also unmittelbar nach Kriegsende, nahm das Telegraphen-Versuchsamt unter Leitung von K. W. Wagner die unterbrochenen Versuche wieder auf. ln Zusammenarbeit mit Telefunken wurde ein Gerät entwickelt, das drei Gespräche - ein niederfrequentes und zwei trägerfrequente - im Frequenzband 10 bis 50 kHz übertragen konnte. Die Erprobung über eine 300 km lange Freileitung zwischen Berlin und Hannover mit 3 mm starken Adern war erfolgreich. Nach Ergänzung durch die notwendigen Durchschalte-Einrichtungen zu den Vermittlungen konnte dieses erste „Hochfrequenzamt“ Anfang Oktober 1919 dem Betrieb übergeben werden und stellte somit die erste betriebsmäßige Trägerfrequenzanlage in Deutschland dar. Ein knappes Jahr zuvor ging ein ähnliches System der Firma Western Electric auf der Strecke Pittsburgh-Baltimore (396 km) in Betrieb.

182a tbBild 1: Telefunken-Trägerfrequenzgerät aus dem Jahre 1922

BILD 1 zeigt ein weiterentwickeltes Trägerfrequenzgerät für 2 Kanäle aus dem Jahr 1922, BILD 2 das mit diesen Geräten aufgebaute Hochfrequenzamt in Breslau. Die Geräte wurden in Schränken untergebracht, wie sie in der Handvermittlungstechnik üblich waren. Die Trägerfrequenzen für eine Gesprächsrichtung lagen zwischen 10 und 25kHz, die der Gegenrichtung zwischen 25 und 50 kHz. Übertragen wurden jeweils die Träger mit einem 3 kHz breiten Seitenband.

183a tbBild 2: Hochfrequenzamt in Breslau im Jahr 1922

Wie groß der Bedarf und wie schnell die Entwicklung war, zeigt eine Karte von 1922 mit den von Telefunken gebauten bzw. im Bau befindlichen Anlagen (BILD 3). Es sind 22 Strecken mit 44 TF-Kanälen und etwa 5000 km Streckenlänge. Allein in Deutschland existierten 40 trägerfrequente Sprechkreise, die geschätzt 9000 km lang waren. Zum Vergleich: ln den USA waren zur gleichen Zeit rund 18.000 Sprechkreiskilometer installiert.

184 tbBild 3: Streckenplan der von Telefunken gebauten TF-Linien, Stand 1922

Das oben genannte Gerät wurde wenig später in Zusammenarbeit mit Siemens & Halske grundlegend konstruktiv überarbeitet und erhielt die Bezeichnung AMR 223. Durch die nun angewendete Gestellbauweise konnte das Volumen etwa auf die Hälfte reduziert werden.

1924 musste Telefunken seine Aktivitäten auf dem Trägerfrequenzgebiet an die Stammfirmen AEG und Siemens & Halske abgeben, denn nach damaliger Auffassung gehörte dieses Gebiet nicht zum Funk, für den Telefunken zuständig war, sondern zur Draht-Nachrichtentechnik. Siemens hat dann in den Folgejahren das Gerät AMR 223 weiterentwickelt und in verschiedenen Entwicklungsstufen bis in die dreißiger Jahre geliefert. Die AEG nahm erst 1935 die Arbeiten an Trägerfrequenzgeräten wieder auf. Bereits 1938 stellte sie ein Mehrfach-Einzelkanalsystem für acht Kanäle (MEK 8) vor, das sehr erfolgreich war. 10.000 Kanalendstellen dieses Typs wurden in den Jahren 1939 bis 1945 produziert und geliefert. Es war wohl damals das am meisten verbreitete Trägerfrequenz-Gerät (abgekürzt: TF-Gerät).

185a tbBild 4: Diese Leiterplatte (Abm. 50 x 150 mm)- ein moderner TF-Kanalumsetzer aus dem Jahr 1975 - hat ein um den Faktor 1.000 kleineres Volumen als die Kanaleineinheit des in BILD 1 dargestellten TF-Geräts aus dem Jahr 1922. Die Baugruppe ist mit hochwertigen mechanischen Filtern ausgestattet. Rechts oben ist die Struktur eines geöffneten Kanalfilters zu erkennen.Wie bereits erwähnt, wurden 1949 die durch Kriegseinwirkungen örtlich verstreuten Aktivitäten der AEG-Fernmeldetechnik im württembergischen Backnang zusammengefasst. Unter Führung der Deutschen Bundespost arbeitete die AEG nun zusammen mit Siemens & Halske, Mix & Genest und Felten & Guilleaume an einem Konzept für ein einheitliches Trägerfrequenzsystem für 60 Sprechkreise, das auf neuen Kabeln mit 24 symmetrischen Leitungen betrieben werden sollte. Als Vierdrahtsystem benötigte es für jede Sprechrichtung ein getrenntes Kabel, bot jedoch dadurch eine Kapazität von insgesamt 1.440 Sprechkreisen. Manche Fachleute waren damals der Meinung, dass eine solche Kapazität viel zu groß sei und davon noch die Enkelkinder profitieren könnten. Nun, die Entwicklung der nachfolgenden Jahre hat ihre Befürchtungen nicht bestätigt.

Ein wichtiger Schritt für das weitere Gedeihen des Backnanger Unternehmens war die - auch schon erwähnte - Vereinigung der AEG-Fernmeldetechnik mit dem Telefunken-Richtfunk zum Telefunken-Fachbereich Anlagen Weitverkehr (AW) im Jahr 1954. ln den Folgejahren entstanden dort - nunmehr mit Halbleitern bestückte - Trägerfrequenz-Systeme für 120, 300, 960, 2.700 und 10.800 Sprechkreise, die den internationalen CCITT-Empfehlungen entsprachen und in modernster Technologie realisiert wurden (BILD 4 und BILD 5). Hochwertige Filtertechniken (z.B. mechanische Filter oder Quarzfilter) sorgten dafür, dass die frequenzgestaffelten, einseitenbandmodulierten Sprachkanäle sauber getrennt blieben. Die Kanalbündel der genannten Systeme wurden über Koaxialkabel mit ferngespeisten Zwischenverstärkern oder alternativ über Richtfunkstrecken übertragen.
Auch diese genormten kabelgebundenen Übertragungssysteme wurden in Backnang entwickelt und gefertigt, einschließlich der Garnituren für komplette Kabelanlagen. Die Kabel selbst kamen zunächst aus den Kabel- und Metallwerken Neumeyer AG (KMN) in Nürnberg, mit denen die AEG 1949 einen Kooperationsvertrag abgeschlossen hatte. Dort hatte auch eine zu Backnang gehörende Entwicklungsabteilung viele Jahre ihren Sitz, um vor Ort neue Nachrichtenkabel-Konzepte zu entwickeln. Diese Partnerschaft endete 1971 in gegenseitigem Einvernehmen, denn AEG-TELEFUNKEN hatte inzwischen die Kabelwerke Rheydt AG erworben, die fortan-  ab 1972 als AEG-TELEFUNKEN Kabelwerke AG – den Backnanger Fachbereich mit Nachrichtenkabeln belieferte.

185b tbBild 5: Kanalumsetzer-Gestelle in einem Fernmeldeamt. In der 1.4 m breiten Gestellreihe im Vordergrund befinden sich 1.200 Kanaleinheiten des in BILD 4 gezeigten Typs.Ab Mitte der siebziger Jahre waren alle Zentralämter der Deutschen Bundespost mit den breitbandigen V-10800-Systemen ausgestattet und über Koaxialkabel mit jeweils 12 Koaxialpaaren miteinander verbunden. 64.800 Gespräche konnte dieses System gleichzeitig übertragen, das heißt, seine Kapazität war 45-mal größer als die des V-60-Systems aus den frühen fünfziger Jahren. Trotzdem befürchtete damals kein Fachmann, dass das System überdimensioniert sei, denn das „Telefonverhalten“ der Menschen hatte sich in der Zwischenzeit grundlegend geändert.

Doch gehen wir noch einmal ein Jahrzehnt zurück, denn im Jahr 1962 kündigte sich eine neue Technik an, die schließlich die analoge Multiplextechnik verdrängen sollte. ln den USA nahm die American Telephone & Telegraph Company (ATT) als weltweit erste Telefongesellschaft digitale 24-Kanalsysteme (T1-System) in Betrieb. Sie arbeiteten mit Pulscode-Modulation (PCM) und waren für den Einsatz auf den Ortsnetzkabeln der Großstädte ausgelegt. Dort war nämlich die Kapazität dieser Kabel häufig erschöpft und Neuverlegungen waren nur unter großen Schwierigkeiten möglich. Da sich durch die neue Technik die Kabelkapazität plötzlich vervielfachte, waren PCM-Systeme von Anfang an ein Erfolg. Die Fachwelt beobachtete dieses Ereignis mit großem Interesse. Bald darauf befasste man sich auch in Europa und Japan intensiv mit der neuen Technik.

Auch in Backnang wurde ein PCM-Labor eingerichtet, und 1968 ging das erste PCM-System von Telefunken - ausgelegt für 24 Sprachkanäle - im Netz der Bundespost in den Versuchsbetrieb. Seine Wirkungsweise soll kurz erläutert werden: ln einem ersten Schritt tastet ein solches Gerät die zu übertragenden 24 Sprachsignale durch einen rotierenden elektronischen Schalter zyklisch ab. Die Abtastproben werden anschließend in einem Codierer in Binärzeichen verwandelt und zeitlich nacheinander übertragen. Auf der Empfangsseite werden die Signale wieder dekodiert und in einem synchron laufenden elektronischen Schalter auf die entsprechenden Kanäle verteilt, von wo aus sie als niederfrequente Sprachsignale zu den Teilnehmern gelangen. Man nennt solche Multiplexsysteme daher auch Zeitmultiplexsysteme.

Zur gleichen Zeit überlegte eine Systemgruppe in Backnang, wie eine zukünftige europäische digitale Systemfamilie bezüglich Kanalzahl und anderer wichtiger Parameter dimensioniert werden sollte. Telefunken veröffentlichte seine Vorschläge, besprach sie mit den Kunden und Partnern und fand internationale Beachtung mit dem Erfolg, dass die wesentlichen Vorschläge in ihren Grundzügen von CCITT übernommen wurden.

186a tbBild 6: PCM-30-Gestelle in einem Fernmeldeamt.ln der etwa 3,8 Meter langen Gestellreihe befinden sich rund 3800 Kanaleinheiten.Nach der Erprobung der verschiedenen Versuchssysteme der  deutschen Firmen entschloss sich die Deutsche Bundespost, im Jahr 1974 in ihrem Netz einen Großversuch mit neuentwickelten PCM-30-Systemen für 30 Sprechkreise durchzuführen, und forderte die deutsche Industrie auf, sich zu beteiligen. 140 Systeme sollten getestet werden. Backnang lieferte für den Versuch 58 Systeme, die wegen ihrer fortschrittlichen Auslegung große Beachtung fanden und nach der Erprobungsphase in den regulären Betrieb übernommen wurden. In den Folgejahren entwickelte sich die digitale Systemfamilie rasch. Telefunken und später ANT Nachrichtentechnik folgten diesem Trend und lieferten alle gängigen PCM- Multiplexsysteme bis zur Bitrate 620 Mbit/s (7.680 Sprechkreise), welche die DBP bzw. die Deutsche Telekom und andere Kunden benötigte (BILD 6). Im Jahr 1979 schließlich entschied sich die Deutsche Bundespost, ihr Fernmeldenetz vollständig zu digitalisieren. Die analoge Vermittlungs- und Übertragungstechnik war von diesem Zeitpunkt an eine auslaufende Technik.

Heute ist das öffentliche Netz der Deutschen Telekom vollständig digitalisiert, das heißt, die analogen TF-Systeme, die über Jahrzehnte das Rückgrat des Fernmeldenetzes gebildet hatten, sind außer Betrieb. Die Fernmeldeämter sind nun mit digitalen Multiplexsystemen mit Bitraten bis zu 2,5 Gbit/s und einer Kapazität von rund 30.000 Sprechkreisen ausgestattet, die ihre aus Fernsprech-, Daten- und Bildsignalen bestehenden Nachrichtenströme überwiegend über ein weltweit vorbildliches Glasfasernetz übertragen.

Wie die relativ junge Glasfasertechnik entstanden ist, soll etwas später ausführlich berichtet werden. Zuvor jedoch soll noch eine analoge Multiplextechnik erwähnt werden, die auch heute noch in den Energieversorgungsnetzen eine wichtige Rolle spielt.

Wenn man mit dem Auto in der Nähe einer Hochspannungsleitung unterwegs ist und das Autoradio auf den Langwellenbereich (falls vorhanden) eingeschaltet hat, hört man über die ganze Skala hinweg immer wieder seltsame Tonfolgen, ähnlich den Morsezeichen – ein Singen und Zirpen. Das sind die in Tönen verschlüsselten internen Informationen der Energieversorgungsunternehmen!

Spezielle Sende-/Empfangseinrichtungen, die so genannten TFH-Geräte (TFH = Trägerfrequenzübertragung über Hochspannungsleitungen), erzeugen langweilige, mit den Informationen modulierte Trägerfrequenzen, die direkt auf den Hochspannungsleitungen zwischen den Schaltstellen übertragen werden. Die Betriebszentrale verfügt somit über alle relevanten Informationen des Hochspannungsnetzes- auf direktem Weg und mit sehr großer Sicherheit.

187a tbBild 7: Prinzipieller Aufbau einer TFH-Verbindung

Das Entstehen einer großflächigen Elektrizitätsversorgung, gleich nach dem Ersten Weitkrieg, forderte sehr rasch eine von den postalischen Fernmeldenetzen unabhängige, äußerst betriebssichere Nachrichtenübertragung, zunächst allerdings nur für Fernsprechzwecke. Die Postverwaltung nämlich hegte allergrößte Bedenken gegen die Annäherung an die „gefährliche“ Hochspannung, hatte sie doch damals mit ihrem landesweiten Freileitungsnetz schon genug Probleme durch Gewittereinwirkung!

Die erste TFH-Übertragung in Deutschland wurde von Telefunken im Jahr 1920 - kurz nachdem auch die Reichspost ihr erstes Trägerfrequenzsystem in Betrieb genommen hatte - für die Elektrowerke AG auf der 110 kV-Leitung von Golpa/Zschornewitz nach Berlin-Rummelsburg errichtet. Diese Leitung transportierte die aus Braunkohle gewonnene elektrische Energie des damals weltgrößten Dampfkraftwerks (128 MW) in den Berliner Raum. Kraftwerk und Leitung hatte die AEG errichtet. Da war es naheliegend, die Tochtergesellschaft Telefunken mit dieser „leitungsgebundenen gerichteten“ Funkübertragung, wie es damals hieß, zu beauftragen. Zur Ankopplung der Funksignale an die Hochspannungsleitung diente jeweils eine parallel gespannte Antenne, natürlich im gebührenden sicheren Abstand von den Hochspannungsseilen!

187b tbBild 8: TFH-Geräte für Telefonie- und Fernwirkübertragung

Aufgrund der guten Betriebserfahrungen entwickelte Telefunken (zeitweise auch die AEG) diese spezielle Technik dann immer weiter, und auch Wettbewerber traten in das Geschäft ein. Die ursprüngliche Antennenankopplung wurde durch hochspannungsfeste Kondensatoren ersetzt, stromfeste Drosselspulen an den Enden der Hochspannungsleitung verhinderten den Abfluss der Hochfrequenz über die Sammelschiene zu allen anderen Leitungen der Schaltanlage (BILD 7). Diese Hochspannungskomponenten waren stets der Lieferanteil der AEG.

Mit TFH-Geräten konnten nun autarke Selbstwähl-Fernsprechnetze errichtet werden, und die Übertragung von Messwerten und Zählerständen gewann immer größere Bedeutung für die sichere und wirtschaftliche Führung der Hochspannungsnetze im Verbund mit den Kraftwerken (BILD 8). Die späteren Fortschritte der Trägerfrequenz-Übertragung auf Kabeln, wie etwa das Einseitenband-Verfahren, kamen natürlich auch der TFH-Technik zugute, die wegen ihrer weiten Verbreitung besonders auf eine frequenzsparende Schmalbandtechnik angewiesen ist.

So spielen auch heute noch zahlreiche Telefunken-TFH-Geräte eine wichtige Rolle im regionalen Nachrichtennetz der Energieversorgungsunternehmen, und wer die mysteriösen TFH-Klänge hören will, braucht nur das Autoradio auf Langweile einzuschalten.

 

Mit freundlicher Genehmigung der Nicolaische Verlagsbuchhandlung GmbH, Berlin

 

Telefunken nach 100 Jahren - Das Erbe einer deutschen Weltmarke

Pünktlich zum 100jährigen Jubiläum im Jahre 2003 erschien das Buch Telefunken nach 100 Jahren zur Geschichte des Unternehmens. Eine Gruppe von meist ehemaligen Managern der Firma und befreundeten Fachleuten erstellte in jahrelanger Vorarbeit dieses recht umfassende Bild eines einst weltbekannten Unternehmens. Für alle, die keinen Zugang zu einem Exemplar dieses inzwischen vergriffenen Druckwerks haben, seien die für Backnang relevanten Kapitel mitsamt allen dazugehörigen Bildern hier wiedergegeben.
Dies geschieht mit freundlicher Genehmigung der Nicolaische Verlagsbuchhandlung GmbH, Berlin.

Das Übertragungssystem

Die abenteuerliche Schnellverbindung von Endgerät zu Endgerät

Von Theodor Pfeiffer

Viele von uns führen täglich mehrere Telefongespräche, surfen regelmäßig im Internet, verrichten die Bankgeschäfte per "Homebanking" und senden Geschäftspartnern, Freunden und Bekannten E-Mail- oder Fax-Nachrichten. Nur ganz wenigen ist bewusst, dass wir uns mit dem Abnehmen des Hörers oder mit dem Besuch des Internet an ein gigantisches, weltumspannendes Nachrichtennetz anschließen. Über eine Milliarde Teilnehmer sind mit dieser "größten Maschine der Welt" über Kabel oder Funk verbunden, die es ermöglicht, die gewünschten Gesprächspartner binnen Sekunden zu erreichen.

ln Wirklichkeit besteht diese "Maschine" aus vielen dezentralen Einheiten, nämlich den Fernmeldeämtern mit ihren Nachrichtennetzen, die hierarchisch geordnet sind. Wir selbst sind beispielsweise jeweils mit dem örtlichen Fernmeldeamt - dem Ortsamt - verbunden. Darüber hinaus gibt es in Deutschland - je nach
Größe einer Stadt - weitere Fernmeldeämter, nämlich die Knoten-, Haupt-und Zentralämter, über die mit aufsteigender Hierarchie auch immer mehr Gespräche gleichzeitig geführt werden. Die Zentralämter schließlich sind meist auch die Schnittstellen zu unseren europäischen Nachbarn und zu den Ländern auf anderen Kontinenten.

Die Verbindungsglieder zwischen den Ämtern im ln- und Ausland sind Nachrichten-Übertragungssysteme, die so dimensioniert sind, dass auch der intensive Nachrichtenfluss während der so genannten Hauptverkehrszeiten - am späten Vormittag und in den frühen Abendstunden - bewältigt werden kann. BILD 1 zeigt anhand einer Überseeverbindung zwischen Backnang und New York, wie so eine Verbindung aussehen kann und welche Übertragungssysteme zur Verfügung stehen:

Telefongespräch Backnang - New YorkBild 1: Telefongespräch Backnang - New York

Das von dem Backnanger Teilnehmer kommende Sprachsignal gelangt über ein Ortskabel in die Ortsvermittlung, die es als Ferngespräch erkennt und daher an das Verstärkeramt weiterleitet.
Hier wird es - zusammen mit den Sprachsignalen anderer Teilnehmer - in so genannten Multiplexgeräten zu einem Gesprächsbündel zusammengefasst, das dann über ein Fernkabel zum hierarchisch höherstehenden Fernmeldeamt in Stuttgart gelangt. Dort wird es durch weitere Multiplexprozesse in ein Gesprächsbündel für den Überseeverkehr in die USA eingereiht und über Richtfunkanlagen und/oder Fernkabel zur Erdfunksteile übertragen. Ein Nachrichtensatellit übernimmt den Transport über den Atlantik in die USA. Dort werden die Gesprächsbündel wieder aufgelöst, und das Backnanger Sprachsignal gelangt über ein (hier nicht  eingezeichnetes) Fernmeldeamt in New York zu dem gewünschten Teilnehmer. Anstelle der Satellitenverbindung können auch Seekabelsysteme den Überseetransport übernehmen. Beide Übertragungssysteme sind so leistungsfähig, dass zusätzlich auch noch Fernsehsignale übertragen werden können.

Telefunken hat sich seit den frühen Tagen der Telekommunikation mit solchen Multiplex- und Übertragungssystemen befasst, und manche Pionierleistung hat diese bemerkenswerte Technik vorangetrieben. Insbesondere in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg hat sie sich rasant weiterentwickelt, doch der Ort des Geschehens war nun nicht mehr Berlin, sondern das bereits erwähnte Backnang, eine mittelgroße württembergische Stadt in der Nähe Stuttgarts. Dort fasste die AEG im Jahr 1949 ihre durch die Kriegswirren örtlich weit verstreuten Aktivitäten auf dem Gebiet der Fernmeldetechnik unter der Leitung von G. Wuckel zusammen und gründete den Bereich "AEG-Fernmeldetechnik (AEG/FT)". Fünf Jahre später, am 1. Oktober 1954, entschied der AEG-Vorstand, die AEG Fernmeldetechnik in die Tochtergesellschaft TELEFUNKEN GmbH einzubinden und die Richtfunktechnik von Telefunken von Ulm nach Backnang zu verlegen. Damit war der Grundstein für den Telefunken-Fachbereich "Anlagen Weitverkehr (AW)" gelegt, der sich in den Folgejahren so erfreulich entwickelte, dass Werke in Offenburg und Schwäbisch Hall aufgebaut werden mussten (BILD 2). Doch mehrfach haben sich im Lauf der Zeit der Firmenname und später auch die Besitzverhältnisse geändert. Eine kurze Übersicht soll dies im Einzelnen zeigen:

Das Werk in Backnang, Gerberstraße 33Bild 2: Das Werk in Backnang, Gerberstraße 33

1963 wurde Telefunken in eine Aktiengesellschaft umgewandelt und 1967 mit der AEG zur AEG-TELEFUNKEN AG verschmolzen. Von nun an firmierte das Backnanger Unternehmen viele Jahre lang als "Fachbereich Weitverkehr und Kabeltechnik". Als die AEG 1981 in eine finanziell schwierige Lage geriet, wurde der Bereich im Dezember 1981 als AEG-TELEFUNKEN Nachrichtentechnik GmbH (ATN) verselbständigt und 49% der Geschäftsanteile an das Firmenkonsortium Robert Bosch GmbH (20 %), Mannesmann AG (20 %) und Allianz AG (9 %) veräußert. Nachdem AEG-TELEFUNKEN im August 1982 Vergleich anmelden musste, machten die genannten Firmen von ihrem Recht Gebrauch, zum Schutz der ATN die AEG-Anteile zu übernehmen. Ihre Beteiligungen wuchsen damit proportional auf 41% / 41 % / 18 %. Ab April 1983 erhielt das Backnanger Unternehmen den neuen Firmennamen ANT Nachrichtentechnik GmbH (ANT). 1988 übernahm die Robert Bosch GmbH die von Mannesmann gehaltenen Geschäftsanteile und wurde damit zum Mehrheitsgesellschafter. Die ANT wurde 1989 in den neugegründeten Unternehmensbereich Bosch Telecom eingegliedert - zu dem auch die Telenorma GmbH, die Teldix GmbH und die Öffentliche Vermittlungstechnik GmbH gehörten - und erhielt im Firmenlogo den Zusatz "Bosch Telecom". 1995 wurde der Unternehmensbereich neu geordnet und im Handelsregister als Bosch Telecom GmbH eingetragen. Damit verschwand der Name ANT, der sich in einem guten Jahrzehnt einen hervorragenden Klang erworben hatte.
Zum 1. Februar 2000 trennte sich die Bosch Telecom GmbH von der Sparte "Öffentliche Netze" in Backnang und Offenburg und übertrug ihre Anteile auf die Marconi Communications GmbH. Lediglich die Satellitentechnik verblieb noch zwei Jahre bei Bosch Telecom und firmierte dort unter dem Namen Bosch Satcom GmbH. Am 1. Dezember 2001 schließlich wurde diese Gesellschaft von der Astrium GmbH, einer Tochtergesellschaft der EADS, erworben. Sie nennt sich nun TESAT Spacecom GmbH & Co. KG und hat ihren Sitz weiterhin in Backnang.

Wie auch immer der jeweilige Firmenname in Backnang lautete, der Ideenreichtum, das Engagement und das Know-how der Mitarbeiter blieben lebendig und waren ein wichtiges Kapital des Unternehmens.

ln den nachfolgenden Kapiteln sollen nun die wichtigsten Backnanger Arbeitsgebiete beschrieben werden, insbesondere diejenigen, die auf dem Gebiet der öffentlichen Netze tätig waren. Die militärische Nachrichtentechnik wird später im Abschnitt "Elektronik für Sicherheit und Verteidigung" behandelt.


"Die Backnanger" …

und "die Ulmer" (Telefunker) bildeten - bis zum sich abzeichnenden Anfang vom Ende von AEG-TELEFUNKEN um 1981 – gemeinsam zunächst den Geschäfts-, später den Unternehmensbereich "Nachrichtentechnik".
 
"Backnang" mit seinen weiteren inländischen Standorten in Offenburg, Schwäbisch Hall und Welfenbüttel war Synonym für "Anlagen Weitverkehr und Kabeltechnik" - "Ulm" dagegen mit den weiteren Standorten in Berlin, Bremen, Eiweiler, Kiel und Landsberg Synonym für "Anlagen Hochfrequenz".

Zwei "Bruder"-Bereiche, die sich fachlich und bezüglich ihrer Schwerpunktmärkte gegenseitig trefflich ergänzten; beide zuverlässige Gewinnbringer für den Konzern. Keine Gründe also für hie und da mehr oder weniger fein dosierte Sticheleien, wie doch sonst zwischen Geschwistern üblich? Gar keine? Nein ... oder doch?!

Ulm war und ist die große Münsterstadt an der - nie blauen - Donau, Backnang - "Wo liegt Backnang?" - war und ist die liebenswerte Fachwerk-Stadt an der kleinen Murr (die seinerzeit noch Gerberlohen-Duft verbreitete). "Die Ulmer" machten erheblich mehr Umsatz, noch dazu überwiegend mit militärischen Geräten und Systemen. "Die Backnanger" machten beachtlichen, aber eben weniger Umsatz mit Schwerpunkt in einem deutlich begrenzten, dem damaligen fernmeldetechnischen Post-Markt, also mit "Zivilen" Geräten und Systemen.

Eine gewisse unvermeidbare Hochnäsigkeit und Arroganz des größeren als Herausforderung gegenüber dem kleineren Bruder und die vornehme Zurückhaltung bei gleichzeitig feinfühligem, in Charme gehülltem Zurückschlagen "der Backnanger" kennzeichneten die von Geschwisterliebe getragene Partnerschaft.

ln den sechziger Jahren kursierten darüber so manche Witze. Eine Variante passt am besten in den Mund eines Berliner Telefunkers (von denen gab es damals eine große Anzahl, speziell in Ulm): Mit der Perspektive des Weltstädters und in dem ihn kennzeichnenden Bewusstsein "Mir kann keener" sorgte er "im Notfall" für Entspannung zwischen den beiden Geschwistern mit der friedenstiftenden, uns leider nur mündlich überlieferten Formel:

"Wat soll sein? Ulm is'n Dorf mit Beleuchtung und Backnang eens ohne!"

Das entbehrte natürlich jeder sachlichen Grundlage. - Richtig ist aber doch, dass Backnang erst mit den "Telefunkern", die ab Mitte der fünfziger Jahre als Kerntruppe zur Bildung des Bereichs "Weitverkehr und Kabeltechnik" von Ulm (!) nach Backnang kamen, Zutritt zur "Ehrengilde der High-Tech-Städte" fand, und heute ist diese Stadt "vor den Toren Stuttgarts, mit sauberer Industrie in lieblicher Umgebung ein erlebenswertes Kleinod in rauer, hektischer Zeit".

 

 

Mit freundlicher Genehmigung der Nicolaische Verlagsbuchhandlung GmbH, Berlin

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