50 Jahre Jubiläum

Sanierung der Antennen Plattformen 1985Sanierung der Antennen-Plattformen 1985Ein Meisterstück Backnanger Richtfunk- und Antennentechnik ging im Dezember 1966 auf der Funkverbindung zwischen Berlin (West) und Torfhaus im Harz in Betrieb. Die Überbrückung der DDR mit Telefon- und Fernsehkanälen war für die aufstrebende Metropole von größter Bedeutung. Antennenspiegel von 18 Metern Durchmesser, Anregung der Troposhäre und wassergekühlte Wanderfeldröhren-Verstärker machten die Verbindung über fast 200 km möglich. Der interessante Artikel zeigt das technische Ereignis im Umfeld der damaligen Zeit.

Der Beitrag erschien im Jahrbuch 2016 des Heimatvereins Zehlendorf e.V. von 1886. Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung des Heimatvereins und des Autors.

Günter Herrnleben Günter Herrnleben (Jahrgang 1935), verantwortete als Projektleiter bei der Deutschen Bundespost den Aufbau und die Abnahme der Richtfunkverbindungen zwischen Berlin (West) und dem Bundesgebiet. Er ist Mitglied im Berufsverband IfKom (Ingenieure für Kommunikation).


Ein Turm für Spezialaufgaben

Der Fernmeldeturm auf dem Schäferberg in Berlin

Von Günter Herrnleben Günter Herrnleben


FMT 1967 Situation tbFernmelde- turm 1967Wagen wir zunächst den groben Vergleich des 212 Meter hohen Fernmeldeturms auf dem Schäferberg in Wannsee mit dem 368 Meter hohen Fernsehturm am Alexanderplatz: Beide entstanden als Betontürme in den 1960er-Jahren, während des Kalten Krieges. Und beide werden auch heute als Senderstandorte für die terrestrische Ausstrahlung von derzeit 40 Fernsehprogrammen genutzt. Bauherr des Fernmeldeturms war die Deutsche Bundespost, heute Deutsche Telekom. Bauherr des Fernsehturms die Deutsche Post der DDR, heute ebenfalls Deutsche Telekom. Vermarktet werden beide Türme von der Deutschen Funkturm GmbH.
Der öffentlich nicht zugängliche Fernmeldeturm Schäferberg (Baujahr 1964) behauptet seinen Standort am südwestlichen Stadtrand des alten West-Berlin bis heute unauffällig und zurückhaltend. Die DDR-Staatsführung hingegen hatte den Fernsehturm (Baujahr 1969) als städtebauliche Dominante in der Sichtachse mehrerer Hauptverkehrsstraßen, insbesondere der damaligen DDR-Protokollstrecke Karl-Marx-Allee, im Zentrum der Hauptstadt der DDR mit Aussichtsetage und Drehrestaurant eher auffällig positioniert. Damals wie heute gilt der Fernsehturm als Berliner Wahrzeichen.

Die erste Entwurfsskizze für den Fernsehturm – von der DDR als Beweis für die Überlegenheit des Sozialismus gepriesen – stammt vom DDR-Chef-Architekten Prof. Hermann Henselmann (1905-1995). Henselmann fand seine letzte Ruhe in einem Ehrengrab auf dem Zehlendorfer Waldfriedhof – unweit der Ehrengrabstelle seines Kollegen Prof. Hans Scharoun (1893-1972), dem Erbauer der Philharmonie.

 

Die Vorgeschichte

Die Lebensfähigkeit West-Berlins war nicht zuletzt von einer leistungsfähigen Fernmeldeinfrastruktur abhängig. Dazu zählten die Nachrichtenverbindungen für die Telefonie und das Fernsehen in das Bundesgebiet. Mit der erfreulichen Entwicklung der West-Berliner Wirtschaft in einem schwierigen politischen Umfeld stieg der Bedarf an nachrichtentechnischen Übertragungswegen. Die technischen Voraussetzungen mussten daher dem ständig wachsenden Bedarf - ausgehend von dem im Jahr 1948 sehr bescheidenen Bestand von nur 14 Sprechkanälen(!) - rechtzeitig angepasst werden. Besondere Eile war geboten, als mit der im Juni 1948 durch die Sowjets verhängten Berlin-Blockade auch die fernmeldetechnische Isolierung West-Berlins erkennbar wurde.

Die Nachrichtenverbindungen in das Bundesgebiet bestanden zu 95 Prozent aus speziell entwickelten Sonder-Richtfunksystemen für überlange Funkfelder, mit denen das DDR-Gebiet ohne Stützpunkte (Relaisstellen) zu überbrücken war. Auf der Suche nach einem geeigneten Baugrundstück für den Fernmeldeturm (FMT) entschied sich die Deutsche Bundespost (DBP) – nach Beratungen mit Prof. Friedrich-Wilhelm Gundlach (1912 – 1994) von der Technischen Universität Berlin – für den am höchsten gelegenen natürlichen Geländepunkt West-Berlins, den 103 Meter hohen Schäferberg in Berlin-Wannsee.
Bild-Zeitung vom 1.11.1957BILD-Zeitung vom 1. November 1957: Von den sechs-50-Meter-Masten auf der Zeichnung wurde nur ein 45-Meter-Turm realisiert.

Zur Entlastung ihrer Richtfunkstelle Nikolassee (1950-1974) betrieb dort die DBP bereits seit 1959 die erste schmalbandige Scatter-Richtfunkverbindung nach Torfhaus/Harz,  über die der Selbstwählferndienst mit dem Zentralamtsbereich Düsseldorf – und Bonn als Regierungssitz – am 1. April 1959 eröffnet wurde. Trotz massiver Proteste, zum Beispiel in der BILD vom 1. November 1957, war für dieses neue Übertragungsverfahren im Frühjahr 1958 der Bau eines 45 Meter hohen Stahlgitterturms als Antennenträger für zwei 10-Meter-Parabolspiegel durchgesetzt worden.

Dabei kam das mit amerikanischem „Know-how“ von Telefunken und Siemens gemeinsam entwickelte Richtfunksystem FM 120/2200-1kW/RD für 120 Fernsprechkanäle je Radiofrequenzpaar zum Einsatz. Es standen vier Frequenzpaare zur Verfügung. Das Vierte als redundanter Schutzkanal für insgesamt 360 Fernsprechkanäle. Diese Parabolspiegel wie auch alle später errichteten Richtfunkantennen, die dem 212m hohen Fernmeldeturm sein unverwechselbares Aussehen gaben, waren nach dem Fall der Berliner Mauer entbehrlich. Sie konnten seit 1992 Zug um Zug außer Betrieb genommen und verschrottet werden. Der 45-Meter-Turm jedoch hat sich seine Existenzberechtigung bewahrt. Er dient heute mehreren Mobilfunk-Providern als Funkfeststation.

Der Bau des Fernmeldeturms

Für den vorgesehenen UKW-Bereich bestand wegen der Erdkrümmung keine übertragungstechnisch notwendige optische Sicht in die alten Bundesländer. Es war daher die maximal zulässige Turmhöhe zu nutzen. Erst mit der Erschließung neuer Frequenzbereiche oberhalb von 6 GHz für größere Übertragungskapazitäten von 1860 Fernsprechkanälen waren für die Ausbreitung hindernisfreie Sichtverbindungen bereitzustellen. Für diese von der Firma AEG-Telefunken in Backnang entwickelte Technik ließ die DBP in den Jahren 1976 bis 1978 zwei Antennenträger von 344 Meter Höhe mit quasi-optischer Sicht in Berlin-Frohnau und Gartow in Niedersachsen errichten.

Der Schäferberg lag im Anflugbereich der drei von den West-Alliierten betriebenen Flughäfen Tempelhof (USA) Tegel (Frankreich) und Gatow (Großbritannien). Aus Gründen der Flugsicherheit begrenzten die zuständigen US-Behörden die Bauhöhe auf 1000 Fuß über NN (305 Meter). Sie tolerierten jedoch im Nachhinein die aus konstruktiven Gründen tatsächlich erreichte Bauhöhe von 315 Meter über NN.

Der Entwurf für den Turm stammt von Hans Gerds (Landespostdirektion Berlin).Für die konstruktive Bearbeitung zur Torsionsfestigkeit wegen der Windlasten großflächiger und scharf bündelnder  Antennen war Walther Piekert aus Stuttgart verantwortlich. Entsprechend den Primäranforderungen an das Bauwerk wurde der Turm als reiner Zweckbau für die beiden Überhorizont-Richtfunkverbindungen nach Gartow/Elbe (133 Kilometer) und Torfhaus/Harz (196 Kilometer) geplant und errichtet.

Als Sekundäranforderung entstand auf seiner Spitze eine Fernseh-Rundstrahlantenne für die analogen TV-Programm-Sender K33 (ZDF) und K39 (SFB), die im April 1964 in Betrieb gingen.  Der bis heute äußerlich unveränderte, innen begehbare 22 Meter hohe glasfaserverstärkte Kunststoffzylinder besteht aus vier 5,5 Meter langen „Schüssen“ von 1,5 Meter Durchmesser. Allein die beiden luftgekühlten 20/4 Kilowatt Fernsehsender (Bild/Ton, zunächst noch schwarz/weiß, Fabrikat Siemens) einschließlich Kühlanlagen beanspruchten die gesamte 31. Etage der 6-geschossigen Turmkanzel. Mit der Einführung der Transistoren in den Vor- und Leistungsstufen seit den 1990er-Jahren und neuer Technologien (Digitalisierung)  sowie effizienter Verstärkertechnik haben sich heute der Platz- und Energiebedarf für einen TV-Kanal auf weniger als 20 Prozent des damaligen verringert.

Übersicht der Landesmedienanstalt zur Senderbelegung von DVB-TQuelle: Landesmedienanstalt BerlinGegenwärtig werden vom FMT Schäferberg 40 Fernsehprogramme in DVB-T-Qualität (Digital-Video-Broadcasting  Terrestrial) abgestrahlt. Gemeinsam mit den Sendern am Alexanderplatz und am Scholzplatz bieten die drei Standorte in einem Gleichwellennetz einen flächendeckenden „Luftempfang“ für Berlin und sein Umland.

 

Die Maße des Turms

Der  Bau des FMT erfolgte durch die Firma Hochtief von 1959 bis 1962. Das Fundament besteht aus zwei nach innen und außen geneigten Kegelschalen mit einem Durchmesser von 38 Metern und einer Tiefe von 11,25 Metern. Die hohe Windbelastung des Turms durch weitauskragende Antennenfelder für die Einseitenband-Anlagen und den amplitudenmodulierten Fernseh-Richtfunk – mit Kanal 25 gehend und Kanal 56 kommend – im oberen Turmbereich, sowie der beiden 18-Meter-Parabolspiegel in 35 und 55 Meter Höhe war nur durch besonders große Wandstärken und starke Bewehrungen der Betonkonstruktion zu bewältigen. Außerdem ließen die scharf bündelnden Richtfunkantennen bei großen Windlasten eine Auslenkung nur innerhalb ihrer Halbwertsbreite (Öffnungswinkel) von 0,5 Grad zu.

Zwischen Fundament und unterer Antennenplattform erhebt sich der konische Schaft bis zu einer Höhe von 102 Meter mit 12 Meter unterem und 6,7 Meter oberem Durchmesser. Die Wandstärke des Schaftes beträgt am Fuß 0,75 Meter, verringert sich bis zu einer Höhe von 7,6 Meter auf 0,55 Meter und behält dieses Maß bis zur Betriebskanzel bei. Der Betonschaft endet in 187 Meter Höhe mit einer Wandstärke von 0,2 Meter.
Unmittelbar nach der hochbaulichen Freigabe 1962 begann die Montage der beiden TV-Sender und die  EM 120/400-Anlagen.

Die offizielle Einweihung des FMT fand am 17. Juli 1964 in Anwesenheit der drei Stadtkommandaten und anderer „very important persons“ statt. Im Namen des Berliner Senats beglückwünschte der Bürgermeister von Berlin (West) und spätere Pfarrer in Schlachtensee Heinrich Albertz (1915-1993) die DBP zu dem vollendeten Werk und gab seiner Freude Ausdruck, dass damit die Bindungen und Verbindungen West-Berlins zum Bundesgebiet noch fester würden. Bei aller Freude über diese Leistung dürfe jedoch nicht vergessen werden, dass es praktisch (noch) keine Fernsprechverbindung in den anderen Teil der Stadt gäbe.

Der Festakt endete mit der Auffahrt der 150 Ehrengäste in die Turmkanzel. Der Aufzug bietet 7 Personen Platz (750 Kilogramm) und bewältigt die Fahrt bis in die Kanzel in rund 2 Minuten. Neben der Besichtigung der sechs Betriebsgeschosse (im 28. bis 33. Obergeschoss) fanden die Rundsicht auf die Havel und das damals für West-Berliner unerreichbare Potsdam mit seinem märkischen Umland das besondere Interesse. Einem Vertreter der drei Schutzmächte muss diese diese Aussicht so nachhaltig beeindruckt haben,  dass er ein Jahr später das komplette 32. Obergeschoss als „Mieter für besondere Aufgaben“ bezog.

Das technische Innenleben

Für die wirtschaftliche Nutzung der damals noch frei verfügbaren Frequenzbänder im 400- und 250-MHz-Bereich genügte es, aus dem Spektrum einer amplitudenmodulierten Schwingung – ohne die Trägerfrequenz – nur eines der beiden Seitenbänder zu übertragen. Aus dieser Erkenntnis entwickelte die Firma Siemens das Einseitenband-Richtfunksystem EM 120/400, dem kurze Zeit später das System EM 120/250 folgte.

Mit luftgekühlten 1 kW-Tetroden-Endstufen und großflächigen (Diversity)-Antennen sollte eine Übertragungsqualität mit internationalem Standard erreicht werden. Den am Projekt beteiligten war bewusst, wieder einmal funktechnisches Neuland mit ungewisser Zielerreichung zu betreten. Umso größer war die Freude, als sich bei der Einschaltung die erhofften Systemwerteigenschaften auch in der Praxis bestätigten.

Insgesamt ließen sich auf 22 Radiofrequenzen (RF) nun 2520 Sprechkanäle realisieren, davon stand ein Kanal ständig als Reservekanal zur Verfügung. Auf der Gegenstelle im 133 Kilometer entfernten Gartow/Elbe entstand zwischenzeitlich der 324-Meter-Mast Gartow 1, der nach der Wende – wie bei den meisten Funkbrücken – ausgedient hatte. Am 20. August 2009 wurde er von der Deutschen Funkturm GmbH unter volksfestartiger „Anteilnahme“ bei Bouletten und Bier gesprengt.

Hinterm Horizont ging’s weiter

Zeitgleich mit dem schrittweisen Ausbau der EM-Anlagen vollzog sich für das 196 Kilometer lange zweite Funkfeld Schäferberg – Torfhaus/Harz der Aufbau der ersten breitbandigen Gerätefamilie FM 960-TV/1900-1kW-RD der Firma AEG-Telefunken. Jeder Radiofrequenz-Kanal sollte 960 Fernsprechkanäle oder ein TV-Signal übertragen. Für den geplanten Vollausbau auf sechs RF-Kanalpaare stand das CCIR-Raster im Bereich 1700 – 2100 MHz zur Verfügung. Die Einschaltung fand in zwei Schritten statt, wobei der 2. Schritt den ersten farbtauglichen TV-Kanal betraf, der auf der Funkausstellung 1967 in Berlin der Einführung des Farb-TVs nach dem PAL-Verfahren der Firma Telefunken/Hannover dienen sollte.

Güteprüfung 18m Spiegel bei ZMF Juli 1966Güteprüfung 18m Spiegel bei ZMF Juli 1966Besondere Kennzeichen dieser Sondertechnik waren die Wasserkühlung für die Kollektoren der 1kW-Wanderfeldröhren-Verstärker aus dem Berliner Telefunkenwerk an der Sickingenstraße. Dazu kamen jeweils zwei scharf bündelnde 18 Meter-Parabolantennen mit einem Öffnungswinkel  von 0,5 Grad, die von der Firma Telefunken in Backnang nach dem Cassegrain-Prinzip entwickelt und bei den Zeppelin-Metallwerken in Friedrichshafen (ZMF) am Bodensee als Aluminium-Konstruktion gefertigt wurden. Vor dem Trichtererreger war ein hyperbolisch geformter 2-Meter-Zentralreflektor  (zwei-Brennpunkte) angebracht, der eine gleichmäßige Ausleuchtung des Hauptreflektors (insbesondere der großflächigen Randzonen)  zwischen Erreger und Parabol (1 Brennpunkt) gewährleisten sollte.

Die ZMF stellten der DBP den ersten Parabolspiegel Anfang Juli 1966 zur Güteprüfung bereit. Der Nachweis der Formtoleranz von +/- 5 Millimetern gelang der Firma mit der 10-fachen Genauigkeit, sodass der Spiegel – verteilt auf 11 offene Güterwaggons – sogleich auf die Reise nach Berlin-Wannsee geschickt werden konnte.

18m-Spiegel trifft in Wannsee ein18m-Spiegel trifft in Wannsee einNach knapp einer Woche Transportzeit traf der Spiegel wohlbehalten - mit mehreren Prüfstempeln der DDR-Grenzkontrollorgane auf den Warenbegleitscheinen versehen - in Wannsee ein. Hier übernahm die bereits beim Bau des Berliner Funkturms (1924 – 1926) bewährte Turmbaufirma Steffens & Nölle auf Tiefladern den Weitertransport der 20 Einzelteile (2-teiliges Mittelstück, 16 äußere Segmente, Kardanrahmen und Zubehör) zum Fernmeldeturm. Inzwischen war der Vorplatz am Schäferberg mit Bohlen zur Lastverteilung für zwei parallel geführte Feldbahngleise befestigt worden. Geplant war, den Parabolspiegel in Opferschalenstellung auf seinem Kardanrahmen aufzubauen und mit einem Schwerpunktausgleich zunächst an den Turm und sodann in seine endgültige Position in 55 Meter Höhe zu ziehen.

Alle Toleranzen erfüllt

15.07.1966 Zusammenbau der 22 EinzelteileZusammenbau der 22 EinzelteileNach dem Zusammenbau aller Einzelteile fand vor der Montage der zwei Tonnen schweren Antenne eine erneute Prüfung auf Einhaltung aller Toleranzen mit weiterhin positivem Ergebnis statt. Am 22.August 1966 konnte der erste Spiegel hochgezogen und in 55 Meter Höhe befestigt werden. Ihm folgte am 28. September die zweite Antenne in 35 Meter Höhe. Mit seinem fest montierten Kardanrahmen war der Spiegel auf einem 8 Tonnen schweren sogenannten Kreuzrahmen innerhalb seines Kipp- und Schwenkbereichs beweglich gelagert. Die Systemtechnik verteilte sich antennennah auf die Betriebsgeschosse 6 bis 9, wobei die Funkgeräte die komplette 8. Etage beanspruchten. In den übrigen Etagen waren die separate Stromversorgung, die Klimatechnik und die Rückkühlanlage für die sechs wassergekühlten 1kW-Wanderfeld-Röhrenverstärker untergebracht.

Montage des Spiegels am Turm, Sept. 1966Montage des Spiegels am Turm, Sept. 1966Empfangsseitig sorgten rauscharme parametrische Empfangsverstärker für eine Systemwertverbesserung von 6 dB. Die aus beiden Antennen stammenden 70-MHz-Zwischenfrequenzsignale desselben Nachrichteninhalts liefen in einer geregelten Kombinatorschaltung zusammen. In jedem Empfangsweg waren unterschiedliche Feldstärkeschwankungen zu erwarten, die in der Kombination zu einer optimalen Verbesserung des Signal-Rauschabstandes führen sollten, so das Diversity-Prinzip.

Der eigentliche Scatter-Effekt fand in dem durch die Strahlungscharakteristik von Sende- und Empfangsantennen gemeinsam gebildeten Volumen statt. Dabei wird in 17 Kilometer Höhe die Troposphäre durch die einfallende Strahlung zu einer Sekundärstrahlung angeregt, von der etwa der billionste Teil der Senderenergie die Empfangsantennen erreicht. Die Erwartungen der DBP waren also aufs Äußerste gespannt, ob sich diese geringen Feldstärken für eine nutzbare Signalübertragung verwerten ließen.

Der erfolgreiche Praxistest

Willy Brandt, damals 1967 Außenminister und Vizekanzler der großen Koalition unter Kurt Georg Kiesinger, gibt den offiziellen Startschuss für das Farbfernsehen in Westdeutschland [Bild: dpa]Willy Brandt, damals 1967 Außenminister und Vizekanzler der großen Koalition unter Kurt Georg Kiesinger, gibt den offiziellen Startschuss für das Farbfernsehen in Westdeutschland [Bild: dpa]Ob sich der ganze Aufwand auch tatsächlich gelohnt hatte, sollte sich – wie bei allen Funkbrücken – erst nach der Feinausrichtung der Antennen und der Streckenmessung über das Funkfeld zeigen. Zur Erleichterung aller Beteiligten hatte sich der Aufwand gelohnt! Daran waren nicht zuletzt die mit höchster Präzision gefertigten Parabolantennen verantwortlich. Die für das Fernsprechen vorgesehenen Frequenzbänder ließen sich nun schrittweise mit jeweils 960 Kanälen voll beschalten.

Und Bundesaußsenminister Willy Brand konnte am 25. August 1967 auf der Großen Berliner Funkausstellung unbesorgt einen roten Taster für die bundesweite Einführung des Farbfernsehens drücken. Zur Erheiterung des anwesenden Fachpublikums hatte jedoch die Studiotechnik etwas voreilig die Rot-Grün-Blau-Anteile des Y-Signals aktiviert, noch bevor der Daumen des Außenministers den Taster erreicht hatte.

Störungen in Frankreich

Dieses europaweit erste breitbandige Übersichtweiten-Richtfunksystem startete wie beschrieben als Scatter-Verbindung. Nach einer Betriebszeit von nur wenigen Monaten klagten jedoch französische Kollegen über störende Einstrahlungen im Raum Normandie/Bretagne. Die Ursache und der Verursacher war schnell gefunden: es waren unerwünschte Überreichweiten-Effekte aus der Scatteranlage in Wannsee. Mit dem Kippen der Antennen um etwa 2 Grad gelang es, die Störung zu vermeiden und das System nun als Beugungsverbindung und ohne Qualitätseinbußen weiter zu betreiben.
Rund vier Jahre nach dem Fall der Berliner Mauer hatte auch dieses Übertragungssystem ausgedient und konnte abgeschaltet werden. Schon bald darauf planten die vier agierenden Mobilfunkbetreiber, die nun freien Frequenzen im 1800-MHz-Breich mit dem aktuell verfügbaren GSM-System zu vermarkten. Die Regulierungsbehörde hatte sie als Frequenzpakete ausgeschrieben und am 28. Oktober 1999 an die Meistbietenden für mehr als 400 Millionen D-Mark versteigert. Das digitale Zeitalter der mobilen Kommunikation nahm seinen Lauf.

Zur Rolle der DDR

Die DDR duldete die im Berlin-Verkehr verwendeten Frequenzbänder zunächst stillschweigend und auch ohne feste Vertragsvereinbarungen. Aus berechtigtem Misstrauen gegenüber der „anderen Seite“ ließ die DBP jedoch die geplanten Frequenzen mit Hilfe durchstimmbarer oder bequarzter Richtfunkanlagen (Freda-Anlagen mit 4-Meter-Parabolantennen) belegen, um frühzeitig der DDR einen Richtfunkbetrieb vortäuschen zu können.
Dieses Hase- und Igel-Spiel der Frequenzbelegungen funktionierte problemlos, bis durch das Vier-Mächte-Abkommen von 1971 und den darauf basierenden innerdeutschen Berlin-Verträgen von 1973 unter dem Spiegelstrich  „Die Frequenznutzung wird koordiniert“ alle weiteren Frequenznutzungen mit der DDR auch vertraglich fixiert werden konnten. Die Koordinierungsabsprachen und Verträge mit der DDR zu allen zukünftig geplanten Frequenzen „für Telefon-, Telegrafen- und andere Verbindungen von Berlin (West) nach außen“ fanden nun vor dem internationalen Gremium der Fernmeldeunion in Genf statt. Sie hielten ohne befürchtete Zwischenfälle bis zum Fall der Berliner Mauer.

Mit einer bekannten Ausnahme: Der Rangierfunk für den Güter-Bahn-Verkehr auf dem Postpaketbahnhof am Gleisdreieck wurde wiederholt durch ein von der Stasi verwendetes Frequenzpaar gestört. Der Verursacher konnte durch Peilmessungen unseres Funkkontroll-Messdienstes bestimmt werden.  Zur Vermeidung langwieriger Verhandlungen auf politischer Ebene mit ungewissem Ausgang ließ die DBP die Funkgeräte der Rangierloks kurzerhand neu bequarzen und erreichte damit eine insbesondere im hektischen Weihnachtsverkehr störungsfreie Paketverteilung an die Berliner.

DDR-Spione hörten mit

Funkbruecken mit Stasi AbhoerpunktenDie vier Funkbrücken mit Stasi-Abhörstützpunkten, Quelle: BStUDass die Richtfunkverbindungen von der Hauptabteilung (HA) III des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) abgehört wurden steht dagegen auf einem anderen Blatt. Die Akten der Stasi-Unterlagenbehörde belegen umfänglich die personellen Strukturen und physikalischen Methoden, mit denen das MfS die West-Berliner Funkbrücken rechnergestützt (Robotron) abgehört hatte. Die mit Hilfe westlicher Uher-Geräte (wegen ihrer Zuverlässigkeit im Dauerbetrieb) auf Tonbändern/Kassetten gespeicherten Ergebnisse wurden per Kurier dem ZOW (Zentralobjekt Wuhlheide im Stadtbezirk Köpenick) übermittelt und dort nachrichtendienstlich bearbeitet und ausgewertet. Einen Tag später landeten sie in komprimierter Form auf dem Tisch des Politbüros des Zentralkomitees der SED.


Nur so viel sei noch angemerkt: In einem höchstrichterlichen Urteil zur „Westarbeit des MfS“ vom 15. Mai 1995 stellte das Bundesverfassungsgericht fest, dass die Strafverfolgung von MfS-Angehörigen der HA III, die lediglich vom Territorium der DDR aus gehandelt hätten, verfassungswidrig sei. Das Gericht spricht von „staatsüblicher geheimdienstlicher Tätigkeit“. Alle Staaten sähen Spionage zur Erlangung von Erkenntnissen für sich als legitimes Mittel an.

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