Eindrücke von der

Eröffnungsveranstaltung am 5. Dezember 2015



Reden zur Eröffnung

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Dr. Frank Nopper - Oberbürbermeister der Stadt Backnang


Dr. Frank NopperDr. Frank NopperGeschätzte Herren Jürgen Beer und Rüdiger Kieninger vom Vorstand des Fördervereins Technikmuseum Backnang,
verehrte Herren Professor Joachim Kallinich und Dr. Axel Burkhardt als Konzeptoren und Kuratoren unseres Technikforums,
Herr Landtagsabgeordneter Gernot Gruber,
meine Damen und Herren Stadträte mit den Fraktionsvorsitzenden Dr. Ute Ulfert und Willy Härtner an der Spitze sowie mitsamt Herrn Ersten Bürgermeister Michael Balzer,         
meine Damen und Herren Träger der Bürgermedaille der Stadt Backnang Robert Antretter, Christa Elser und Walter Schmitt,
verehrte Spender, Förderer, Freunde und Aktive des Technikforums, liebe Eröffnungsgäste, meine sehr geehrten Damen und Herren,

hoch über der Donau, unweit von Regensburg, steht seit langer Zeit die Walhalla, die Ruhmeshalle großer Deutscher. An der Murr steht ab heute im alten industriellen Kern Backnangs die Ruhmeshalle der Backnanger Industrie und des Backnanger Handwerks. Backnang gehört zu den großen und traditionsreichen württembergischen Industriestädten. Unsere Stadt war über Jahrzehnte hinweg von einem industriellen Viergestirn geprägt – von der Lederindustrie und dem Gerberhandwerk, von der Spinnerei, von Kaelble sowie von der Nachrichten- und Elektrotechnik. Diese großen Vier haben Backnang lange Zeit groß gemacht und groß gehalten. Aber nicht nur deswegen haben sie es verdient, dass ihre Werke, ihre Taten, ihre Erfindungen der Vergessenheit entrissen werden. Sie haben es auch deswegen verdient, weil der Blick auf die Vergangenheit der Technik immer auch ein Blick auf die Zukunft der Technik ist. Das Technikforum, das wir heute eröffnen, soll kein Mausoleum längst vergangener Tage der Backnanger Industrie und des Backnanger Handwerks sein. Vielmehr soll es uns und nachfolgende Generationen heute und morgen inspirieren, Technik als fortlaufenden Innovationsprozess zu verstehen. Wir blicken also mit Stolz auf die Backnanger Industriegeschichte, aber wir sind auch offen und  aufgeschlossen, ja geradezu begierig für Neues.
   
Meine sehr geehrten Damen und Herren, Eröffnungen und Einweihungen sind auch gute und willkommene Gelegenheiten Dank, Lob und Anerkennung abzustatten. Dieses Technikforum ist ein hervorragendes bürgerschaftliches Gemeinschaftswerk. Es ist geradezu ein Monument des Bürgersinns.
Mein Dank gilt den Herren Jürgen Beer und Rüdiger Kieninger, die im Vorstand des Fördervereins Technikmuseum Backnang unermüdlich für ein Haus der Technik getrommelt und geworben haben. Sie haben mit der Ausdauer von Marathonläufern im Vorstand, um den Vorstand und um den Vorstand herum für ein Haus der Technik getrommelt und geworben. Sie haben deutlich mehr als 350.000 Euro an Geld- und Sachspenden für diesen Zweck eingeworben. In Würdigung dieses verdienstvollen Engagements hat der Gemeinderat der Großen Kreisstadt Backnang vor wenigen Tagen beschlossen, den beiden Herren die Backnanger Kanne zu verleihen. Herzlichen Glückwunsch meine Herren, die feierliche Übergabe der Backnanger Kanne erfolgt im Rahmen des städtischen Neujahrsempfangs am 15. Januar 2016.

Es ist mir ein aufrichtiges Anliegen, auch Dank abzustatten bei den vielen großzügigen Spendern, die da sind: Unternehmen, Institutionen und Privatpersonen. Ihre Namen werden während der heutigen Eröffnungsveranstaltung immer wieder an die Wand hinter den Rednern projiziert. Ich rufe unseren Spenderinnen und Spendern von hier aus ein herzliches „Vergelt`s Gott“ zu. Sie sind leuchtende Beispiele und haben mit Ihren Spenden Licht in die Zukunft des Technikforums gebracht.

Mein kraftvoller Dank gilt auch zwei Museumsleuten mit Rang und Namen, Herrn Professor Joachim Kallinich, einstens Leiter des Museums für Kommunikation in Berlin und Herrn Dr. Axel Burkhardt, dem Leiter der Landesstelle für Museumsbetreuung Baden-Württemberg. Beide haben in Sachen Neukonzeption des Technikforums Backnang Erstklassiges und Verdienstvolles geleistet – gewissermaßen Exzeptionelles fürs Konzeptionelle.
Eine ganz wichtige Gruppe, eine unverzichtbare Gruppe, bildete und bildet das Rückgrat der langjährigen Techniksammlung und des zukünftigen Technikforums. Es sind die unermüdlichen und tüchtigen weit über 30 Ehrenamtsträger, welche die Techniksammlung und das Technikforum stets am Laufen halten. Über viele Jahre hinweg mit Unterstützung des Heimat- und Kunstvereins. Sie sind nicht nur die Schaffer, Wuhler und Tüftler vor Ort, sondern sie waren und sind die Fackelträger der Idee eines Hauses der Technik und sie haben diese Idee von Anfang an immer im Herzen getragen. Vielen herzlichen Dank liebe Ehrenamtsträger, Sie sind Herz, Hand und Verstand des Technikforums.

Eine ganz wichtige Klammer zwischen den Museumsleuten und den Ehrenamtsträgern waren die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter unseres städtischen Kultur- und Sportamtes unter der engagierten Ägide von Martin Schick Martin Schick.
   
Meine sehr geehrten Damen und Herren, das neue Technikforum ist auch ein Bauwerk oder besser gesagt ein Umbauwerk. Deswegen haben auch Herr Architekt Manfred Orlowski, alle Ingenieure und Bauhandwerker sowie unser Stadtbauamt ein kräftiges Lob und unser aller Anerkennung verdient.

Liebe Eröffnungsgäste, der heutige Tag ist ein Beweis dafür, dass man in der Kommunalpolitik einen langen Atem braucht und er ist ein Beweis für die Richtigkeit des Satzes: Was lange währt, wird endlich gut. 27 Jahre nach den ersten Bestrebungen, in Backnang ein Museum für Technik und Industriegeschichte einzurichten, werden diese heute Wirklichkeit. Mit dieser Neukonzeption der Techniksammlung in Gestalt des Technikforums und vereint mit dem Stadtarchiv gelingt uns vielleicht so etwas wie der große Wurf. Nein, es ist nicht übertrieben zu sagen: Es gelingt der große Wurf.

Und, meine sehr geehrten Damen und Herren, der heutige Tag ist auch ein großer und guter Tag für die Backnanger Technikgeschichte und für die Backnanger Technikbildung. Er bringt uns in Sachen Technikgeschichte weit über die Stadt- und Kreisgrenzen hinaus in eine neue Liga. In diesem Sinne heiße ich Sie alle ganz herzlich zur Eröffnung des Technikforums Backnang willkommen. Backnang und die Backnanger sind heute um eine wichtige Einrichtung reicher geworden.

Jürgen Beer - Beirat im Förderverein Technikmuseum Backnang e.V.


Jürgen BeerJürgen BeerGuten Morgen meine Damen und Herren,

vor Ihnen steht ein glücklicher Mensch. Ein Gründungsmitglied und Beirat des Fördervereins Technikmuseum muss heute glücklich sein! Ich erzähle Ihnen jetzt eine richtig gute Geschichte, dann sind auch Sie etwas glücklicher.

Wissen Sie, was vor rd. 30 Jahren passiert ist?

Damals begann etwas ganz Besonderes. Ehemalige Mitarbeiter der führenden Backnanger Industriebetriebe fingen an, ausrangierte Maschinen, Geräte und Produkte ihrer Firmen zu sammeln. Sie suchten sich einen Platz an dem sie ihre Schätze aufstellen, reparieren und nach und nach auch zeigen und vorführen konnten. Jahrein, jahraus trafen sie sich in schöner Regelmäßigkeit Woche für Woche und arbeiteten an ihrem Traum. Diesen Bewahrern von Backnangs Industriegeschichte -wir nennen sie die Ehrenamtlichen- verdanken wir zu allererst dieses Haus.

Meine Damen und Herren, in Zahlen ausgedrückt heißt das:
rd. 30 Personen arbeiten 4 Stunden wöchentlich während etwa 40 Wochen im Jahr und dies 30 Jahre lang zu fiktivem bundesdeutschem Mindestlohn von 8,50 €   >>>  Das ergibt die unglaubliche  Summe von weit mehr als einer Million Euro Arbeitsleistung. Wir reden hier aber nicht von Mindestlohn-Hilfskräften, sondern von hochklassigen Experten. Wenn die Begriffe Herzblut, Engagement und Ausdauer Beispiele brauchen, hier haben Sie welche. Das Ergebnis dieser bemerkenswerten Arbeit ist die weithin bekannte Techniksammlung.

Die Stadt Backnang war von Beginn an durch das Kulturamt unterstützend tätig, hatte hierfür Räume angemietet oder bereit gestellt und durch Vertrag dem Heimat- und Kunstverein die Führung der Sammlung übertragen. Schon zu dieser Zeit kamen jährlich mehr als 1000 Gäste zu den Tagen der offenen Tür und in Form von Schulklassen oder Firmenbesuchern.

Wissen Sie, was vor 8 Jahren passiert ist?

Ende 2007 kam ein Ruf nach Unterstützung aus den Tiefen der Techniksammlung an den inzwischen leider verstorbenen Dr. Gerhard Haag. Der überzeugte mich mitzumachen und wir trafen uns einige Male mit den verantwortlichen Vertretern der einzelnen Sammlungszweige. Es wurde bald klar, dass vor allem die Unterbringungsverhältnisse der Maschinen und Geräte einer dringenden Verbesserung bedürfen. Die Idee einen Förderverein für ein Technikmuseum zu gründen, lag auf der Hand. Am 14. April 2008 war es soweit. Es fand sich eine ausreichende Zahl hilfsbereiter Herren, Vorstand und Beirat wurden bestimmt, der Verein gab sich eine Satzung, die die Gemeinnützigkeit sicherstellte und der lange Marsch durch die Institutionen begann.

Niemals hätte ich geglaubt, dass wir mehr als 7 Jahre für die Umsetzung dieses Projektes brauchen würden. Wir stießen dabei keineswegs auf einen Mangel an Verständnis oder gar Ablehnung seitens der Stadt, wenngleich von überschäumender Begeisterung beim Oberbürgermeister zunächst auch nicht die Rede sein konnte. Allerdings, das muss ich im Nachhinein zugeben, neue tolle Ideen, die die Stadt viel Geld kosten, sind auch nicht wirklich originell.

Die Sache ließ sich solide an, die Experten der zuständigen Ämter gingen auf die Suche nach einem geeigneten Objekt. Kostenberechnungen wurden angestellt, Alternativen abgewogen und sehr bald stellte sich die Halle in der wir uns heute befinden, als das mit Abstand beste Gebäude heraus: erstklassiger Renovierungszustand, selber ein authentisches Industriedenkmal und eine perfekte Lage. Der Gemeinderat beauftragte folgerichtig die Verwaltung diesen Weg weiter zu verfolgen.
Und nun senkte sich ein dichter mehr als zweijähriger Nebel wie Mehltau über das Vorhaben. Was war passiert? Die Besitzverhältnisse dieser Halle waren durch mehrfachen internationalen Eigentümer- und Ansprechpartnerwechsel so verworren und nicht greifbar, dass erst im August 2011 ernsthafte Kaufverhandlungen aufgenommen werden konnten. Am 11. April 2013 stimmt der Gemeinderat in öffentlicher Sitzung einstimmig für den Kauf. Ich erinnere mich sehr gut an diesen Abend und er löst auch heute noch Freude bei mir aus.

Man war in der Zwischenzeit nicht untätig. Es wurde optimistisch und sehr professionell das Konzept eines modernen Museums entworfen. Sie meine Damen und Herren sitzen heute mitten drin, Herr Prof. Kallinich wird es gleich erläutern.

Der erwartete Kaufpreis und die notwendigen Umbaukosten allerdings zeigten immer deutlicher eine große Finanzierungslücke. Vorstand und Beirat des Fördervereins starteten deshalb eine Spendensammelaktion, die -und das sage ich heute nicht ohne Stolz- sehr erfolgreich war. Wir haben deutlich mehr als 350.000 € an Geld- und Sachspenden für die Stadt Backnang eingeworben. Eine Tafel am Eingang gibt Auskunft über die Namen unserer großzügigen Spender.

Im September 2013 konnte schließlich der Kauf der Halle vollzogen werden. Die dann notwendigen Umbauarbeiten -hier war zuvor ein Kundenschulungszentrum von Bosch- Telecom und Marconi- endeten planmäßig im Dezember 2014. Zwischenzeitlich wurden alle schweren Maschinen mit einem Spezialverfahren von Öl und Patina gereinigt. Die Systeme der Nachrichtentechnik brauchten ein besondere Oberflächenbehandlung. Das alles kostete viel Zeit, Geld und Mühen. Heute erstrahlt nicht nur alles in neuem Glanz, sie erleben auch eine Halle mit modernster Multimediaausstattung.

Was hat der Förderverein,  der rund 200 Mitglieder hat, noch gemacht?

Seit 2009 haben wir in mehr als 40 Vortragsveranstaltungen zur Technikgeschichte die Backnanger Bevölkerung auf das Thema Technikforum vorbereitet. Das Themenspektrum ist unbegrenzt: Medizintechnik, Astronomie, Mathematik, Wetterkunde, Chemie, Navigation, Elektromobilität ..… nennen Sie mir einen Bereich und wir finden den richtigen Referenten. Übrigens, wissen Sie was das Honorar für diese Experten ist? Eine Flasche schwäbischer Rotwein…für jeden natürlich! 350.000 Euro kriegt man nicht so leicht zusammen.
Diese inzwischen sehr beliebten Vorträge finden von jetzt an hier in dieser Halle statt. Eine bessere Umgebung kann ich mir dafür nicht vorstellen. Schauen Sie mal auf unsere Homepage. Dort finden Sie neben einer kompakten Auflistung der Geschichte des Fördervereins und des Technikforums auch unser Vortragsprogramm für das nächste Jahr. Der erste Vortrag widmet sich der Geschichte der Optik. Dann steigen wir in die großen Entdeckungsreisen und das Problem mit dem Längengrad ein. Die Digitalisierung großer Archive erläutert uns ein Experte des Südwestrundfunks. Die Geschichte der Weltraumfahrt und der Pharmazie bilden Vortrag vier und fünf. Den Reigen beschließen wir mit dem Thema Mikrowellen in der Medizin.
Kommen Sie wieder meine Damen und Herren und genießen Sie Technik für jedermann in dieser einzigartigen Umgebung.
Wir werden den Verein bei der kommenden Mitgliederversammlung in Förderverein Technikforum Backnang umbenennen und wir werden dafür sorgen, dass hier Leben in die Halle kommt.

Die Technikwerkstatt für Kinder z.B. wird so ein herausragendes Merkmal unseres Technikforums werden. In einem Hightech-Land wie Baden-Württemberg ist es geradezu eine gesellschaftliche Aufgabe, für technischen Nachwuchs bei Jungen und Mädchen zu sorgen. Wir starten mit 4 Kursen in 2 Altersgruppen und werden je nach Bedarf weiter aufstocken. Der erste Kurs hat bereits angefangen und ist ein Volltreffer. Übrigens war die Einrichtung dieser Werkstatt ein ganz starkes Argument bei der Einwerbung von Spenden.
Jetzt sind Sie dran, meine Damen und Herren, schicken Sie uns Ihre Kinder und Enkel. Wir haben alle was davon. Die Volkshochschule Backnang schreibt die Kurse aus.

Meine Damen und Herren, der Einsatz hat sich gelohnt. Jetzt wollen wir dieses neue Alleinstellungsmerkmal Backnangs mit Leben füllen. Ich verspreche Ihnen, Sie werden noch oft vom Technikforum hören …. und Mitglieder nimmt unser Förderverein auch noch auf!

 

Prof. Dr. Joachim Kallinich, Stuttgart, ehem. Leiter des Museums für Kommunikation Berlin


Prof.Dr. Joachim KallinichProf.Dr. Joachim KallinichSehr geehrter Herr Oberbürgermeister, sehr geehrte Damen und Herren des Gemeinderates, liebe Ehrenamtliche und Mitglieder des Fördervereins, liebe Gäste.

Es ist so, als hole man etwas vom Dachboden, von der Bühne, öffne Schränke und Truhen und präsentiere es jetzt im Wohnzimmer. So jedenfalls empfinde ich es, wenn ich zurückschaue auf die Zeit, als die Sammlungsbestände  in verschiedenen Gebäuden untergebracht waren, auf die Zeit ihrer Auswahl und Zusammenführung und auf die Vorbereitungszeit für die Ausstellung in diesem Gebäude.
Sicher: Der Charme, das Geheimnisvolle, das Überraschende der Bühne geht dabei verloren, dafür werden die gefundenen Schätze aber im neuen Ambiente- eben wie im Wohnzimmer- für alle sichtbar und überschaubar- aufgewertet.
Diese Wertschätzung erhält die Sammlung und erhalten damit auch alle Diejenigen, die die Sammlung aufgebaut und sich liebevoll um sie gekümmert haben. Diese Aufwertung erhält heute sichtbaren Ausdruck dadurch, dass sich die Stadt entschlossen hat, die Sammlung in dieser sanierten Halle zu zeigen. Was für ein Geschenk!

Da die Kaelble-Halle von 1938/39 selbst ein Stück der Industriegeschichte Backnangs darstellt, ist sie das größte Exponat dieser industriegeschichtlichen Sammlung! Deshalb galt es, die Halle wieder als Produktionshalle erfahrbar zu machen, ihre Substanz zu sichern, die Spuren der Zeit nicht zu löschen, dort, wo es funktional notwendig war, einzugreifen, das Neue aber als Neues sichtbar zu machen.
Es galt, eine Ausstellungskonzeption zu entwickeln, die von den vorgegebenen Rahmenbedingungen ausging, eine Konzeption, die im wesentlichen auf die Mitarbeit von Ehrenamtlichen setzt und deren Folgekosten dem städtischen Haushalt angemessen sind. Ein klassischer Museumsbetrieb – so schön das gewesen wäre- schloss sich deshalb aus. Dafür war es aber eine kluge Entscheidung, das Archiv und die technikgeschichtliche Sammlung unter einem Dach zu vereinen.

Eine erste Wechselausstellung zeigt mit einem Einblick in die Industriegeschichte Backnangs, welche Möglichkeiten die Zusammenlegung von Archiv und technischer Sammlung unter einem Dach bietet.  Diese Idee ist neu in der Archiv-und Museumsszene und führte uns zu der konzeptionellen Überlegung, auch der industriegeschichtlichen Sammlung  Archivcharakter zu geben.  Archive ordnen und bewahren in der Regel schriftliche Dokumente. Hier werden sie ergänzt durch dingliche Dokumente; Objekte, Sachen, Dinge- Exponate, die die industriegeschichtliche Entwicklung Backnangs dokumentieren.

Hier werden sie gezeigt wie in einem Archiv oder Depot, geordnet nach den Industriezweigen Ledertechnik, Textiltechnik, Fahrzeug- und Motorentechnik und Nachrichtentechnik. Exemplarisch ausgewählte Leitexponate im Mittelschiff der Halle verweisen auf die jeweiligen Sammlungen in den Seitenschiffen: Eine  Dampfmaschine symbolisiert den Motor der Industrialisierung, ein Gerberfass steht für die Gerberei, eine Krempelmaschine zum Kardieren von Fasern  für die Spinnerei, ein Dieselmotor für die KFZ-Technik der Fa. Kaelble, eine Telefonvermittlung für die Nachrichtentechnik.
Nun könnte man fragen, warum soll man das aufbewahren, es dokumentiere ja doch nur eine Geschichte des Scheiterns. Wir interpretieren das anders: die Sammlungen zeigen vor allem die innovative Geschichte verschiedenster Backnanger Unternehmen; natürlich gebunden an die Bedingungen ihrer Zeit, früher lokal, dann regional, national und heute global.
Backnang unter Dampf: so das erste Motto
Die Dampfmaschine war der Motor der Industrialisierung in Backnang in der  zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Die erste Dampfmaschine wurde 1858 von der Spinnerei „Untere Fabrik“ angeschafft. Mit der Anschaffung von Dampfmaschinen konnten zahlreiche Betriebe ihren wachsenden Energiebedarf decken und damit die Entwicklung zu modernen Industrieunternehmen einleiten, wozu auch  der Anschluss Backnangs an die Eisenbahn in den 1870er Jahren beitrug.
Backnang global
Spätestens in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts gab es Gerber in Backnang. Durch die stark verbreitete Landwirtschaft und die zahlreichen Wälder rund um Backnang gab es genügend Rohmaterial wie Tierhäute und das Gerbmittel Rinde, die Murr sorgte für das nötige Wasser und Backnang lag zudem verkehrstechnisch günstig. Dadurch entwickelte sich das Gerberhandwerk zu dem dominierenden Handwerk der Stadt – nicht zuletzt nannte man Backnang „Die Süddeutsche Gerberstadt“. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts entstanden große Lederfabriken  wie die von Häuser, Kaess und Schweizer .
Mitte des 20. Jahrhunderts waren fast 2000 Personen in der Backnanger Lederbranche beschäftigt, deren Produkte weltweit im Einsatz waren. Die Lederfabrik Louis Breuninger war beispielsweise Lieferant für adidas und damit an den Olympischen Sommerspielen und im Profifußball beteiligt. Aber in den 80 Jahren führten zunehmende Konkurrenz aus Niedriglohnländern und die sich verschärfenden Umweltbestimmungen  zu Rationalisierungs- und Modernisierungsmaßnahmen und schließlich zur Einstellung der Produktion.
Backnang innovativ
Die 1832 in einer Ölmühle an der Weissach eingerichtete mechanische Spinnerei, firmierte ab 1839 unter dem Namen Spinnerei Adolff. Mit einer der ersten Dampfmaschine im Jahr 1863 machte sich die Spinnerei von der Wasserkraft unabhängig und läutete damit die Phase der Industrialisierung ein. In den rund 30 Jahren danach entwickelte sich das Unternehmen zu einer der größten Spinnereien im Deutschen Reich,. Mitte der 1970er-Jahre war die Adolff-Firmengruppe mit etwas über 9000 Mitarbeitern die drittgrößte Textilgruppe und die mit Abstand größte Spinnerei in Deutschland.
Mit neuen Produktionsbereichen und dem Poligras-Kunstrasen für zwei Sportfelder der Olympischen Spiele 1980 in Moskau konnte man der  zunehmenden Konkurrenz der Niedriglohnländer zunächst erfolgreich begegnen, Allerdings konnten damit nicht die Umsatzrückgänge bei Garnen ausgeglichen werden, so dass die Spinnerei Adolff 1991 Konkurs anmeldete.
Backnang mobil
1884 gründete Gottfried Kaelble in Cannstatt eine kleine mechanische Werkstätte. 1895 zog er nach Backnang , arbeitet für die Lederindustrie und begann nach der Jahrhundertwende mit der Entwicklung und Herstellung selbstfahrender Motor-Bandsägen, Straßenzugmaschinen und Lastwagen. 1908 übernahmen die Söhne die Firma, die nach dem Zweiten Weltkrieg Lastkraftwagen, Zugmaschinen und Schaufellader produzierte. 1961 waren in der Kaelble-Gruppe insgesamt 2500 Mitarbeiter beschäftigt, davon allein 1150 in Backnang.
Mitte der 1960er-Jahre widmete sich Kaelble der Herstellung von Spezialfahrzeugen und wandte sich auf der Suche nach neuen Absatzmärkten verstärkt dem Nahen und Mittleren Osten zu. Doch das Handelsembargo der westlichen Welt gegenüber Libyen führte 1996 zum Konkurs.
Backnang kommunikativ
1946 richtete der Elektrokonzern AEG - bedingt durch die Aufgabe der Betriebe im sowjetischen Sektor von Berlin und der sowjetischen Besatzungszone - in der ehemaligen Lederfabrik Fritz Häuser einen Reparaturbetrieb für Kühlschränke ein. Noch im selben Jahr folgte die Abteilung Fernmeldetechnik nach. Damit entstanden in Backnang hochwertige Arbeitsplätze, die aus der Arbeiterstadt, die bis dahin maßgeblich von der Lederindustrie geprägt worden war, eine moderne Industriestadt mit Schwerpunkt Nachrichtentechnik machten.
Die Besitzverhältnisse des Unternehmens änderten sich mehrmals: von Telefunken, AEG-Telefunken, ANT Nachrichtentechnik, Bosch Telecom, Marconi Communications zu Ericsson. Heute ist Tesat-Spacecom mit über 1200 Beschäftigten  der größte Arbeitgeber der Stadt.
Mobil, kommunikativ, innovativ, global- das sind keine rückwärtsgewandten, sondern  zukunftsweisende Botschaften!

Lassen Sie mich das erläutern:
In den Seitenschiffen werden die Exponate nicht wie im Museum didaktisch aufbereitet präsentiert, etwa in Produktionsabläufen oder historischen Einordnungen, sondern nach archivalischen Ordnungsprinzipien ausgestellt.
In Museen werden diese Informationen mit visuellen Mitteln dargestellt: Texten, Bildern, Inszenierungen und Medien. Darauf haben wir verzichtet. Informationen, Bilder, Beschreibungen, Erklärungen  können aber für ausgewählte Exponate per QR-Code auf jedem Smartphone abgerufen werden. Auf diese Weise wurden von der Landesstelle für Museumsbetreuung bisher 100 Objekte bearbeitet und zugänglich gemacht. Dies ist ein Anfang, bietet aber schon jetzt die Möglichkeit, die Sammlung im Internet zu betrachten. Daran muss weiter gearbeitet werden, denn im  Zeitalter des Internets existiert ja nur, was im Netz steht! Dabei geht es nicht nur darum, den Objektbestand zu dokumentieren, sondern vor allem um das Wissen um die Objekte, um die Erfahrungen der Ehrenamtlichen , ein Wissen, das sonst verloren ginge.
Dieses Haus ist vor allem ein Schau-Depot, ein Erinnerungs- und Wissensspeicher, eine Schatzkammer des Wissens oder auch ein „Lagerhaus des Wissens“.
Solche Lagerhäuser, Archive und Depots sind Orte der Geschichte, aber auch Orte der Zukunft. Wir wissen heute noch nicht, welchen Wert die gesammelten Dokumente und Objekte und das damit verbundene Wissen in Zukunft haben werden. Etwas, was uns heute wertlos erscheint, kann in Zukunft von Bedeutung sein. Das Schaudepot ist deshalb offen für neue Fragen und Perspektiven.
Aber es ist auch mehr:
Das Schaudepot ist weniger ein Tempel der Industriegeschichte als vielmehr ein Forum, ein Ort partizipativer Öffentlichkeit- so definiert man das im museumstheoretischen Diskurs. Es ist ein Ort, an dem technischer und gesellschaftlicher Wandel sichtbar und diskutierbar wird.  Deshalb haben wir es Technik-Forum genannt, ein Veranstaltungsort, der mit seinen vielfältigen Angeboten- Vorträgen, Workshops, Wechselausstellungen, Firmenpräsentationen und Events- ein Ort der Begegnung, des Austauschs, der Kommunikation sein wird.
Lebendig wird das Technik-Forum zuallererst durch den großen Erfahrungs- und Wissensschatz der Ehrenamtlichen, die die zum größten Teil funktionsfähigen Maschinen vorführen können.
Und lebendig wird es vor allem durch die Arbeit in der Technik-Werkstatt.
Es gibt im Land z.Zt. viele Initiativen, um junge Menschen für naturwissenschaftliche und technische Berufe zu begeistern. Sie reichen vom Repair Café bis zur Forscherwerkstatt, von Science Fiction aus Schrott bis zur Robotik.
Mit der Technik-Werkstatt sehe ich vor allem die Möglichkeit, über das reine Horten und Sammeln hinauszugehen. Ich sehe darin auch die Möglichkeit, es vom Science Center in Heilbronn oder Mannheim abzusetzen und es zu einem Ort des Entdeckens, Experimentierens, Selbermachens und Forschens  zu machen. Dazu kann auf die historische Sammlung zurückgegriffen werden, kann zurückgefragt werden, wie technische Probleme kreativ gelöst wurden. In diesem  Angebot  geht es nicht nur ums Basteln als Freizeitbeschäftigung, sondern um ein forschendes Lernen und um einen Beitrag zur technischen Bildung, für die eine enge Zusammenarbeit mit Schulen, Volkshochschule, Vereinen, Firmen und eben Ehrenamtlichen hilfreich, ja notwendig ist.
Lassen sie mich mit einer persönlichen Anmerkung schließen:
Nicht nur für wünschenswert, sondern für notwendig halte ich die Erweiterung des Angebots in der Technik-Werkstatt zur digitalen Bildung, denn Baden-Württemberg schneidet hier im Ländervergleich mit am schlechtesten ab!
Und nicht zuletzt ist unabdingbar, ein besonderes Angebot für Mädchen zu machen, denn bei „Jugend forscht“ sind die Mädchen mit 22,5 % der Teilnehmer weit unterrepräsentiert!
Fördern Sie das kreative Potential von Kindern und Jugendlichen, damit Backnang  auch in Zukunft innovativ, mobil, kommunikativ, global orientiert bleibt und im übertragenen Sinne immer „unter Dampf“ steht!  
Dafür kann das Technikforum Bühne sein, wofür nicht mehr das Bild des  Dachbodens steht, sondern das der Theaterbühne, einer Schaubühne, auf der die gesammelten Dinge ihren großen Auftritt erhalten.
In diesem Sinne: Vorhang auf

Dr. Axel Burkarth, Hauptkonservator und Leiter der Landesstelle für Museumsbetreuung


Dr. Axel BurkarthDr. Axel BurkarthMeine Damen und Herren,

Sie kennen wahrscheinlich die "Feuerzangenbowle" und die berühmte Frage von Professor Bommel:  

"Wat is en Dampfmaschin?"

Die Antwort fallt in diesen Hallen leicht:

"Dat is en Dampfmaschin"!

Und wenn Sie wissen wollen, was eine Kardiermaschine ist oder eine Breitband-Richtfunkanlage, ein Streckwerk oder eine Armstollmaschine - kein Problem, hier ist alles versammelt, was die Backnanger Traditionsindustrien gebaut oder zur Produktion verwendet haben. Na ja, fast alles, um genau zu sein.
Jedenfalls gibt es hier mehr zu sehen als in vielen Technikmuseen, denn das Backnanger Technikforum ist, wie wir schon gehört haben, ein sogenanntes "Schaudepot". Das Schaudepot oder begehbare Magazin ist eine vergleichsweise junge Form der Präsentation von Sammlungen. Eine Form, die auf eine Schwäche moderner Ausstellungspraxis in den Museen reagiert. Es ist nämlich offenkundig so, dass die Erläuterung von Gegenstanden in den Ausstellungen der Museen immer mehr Platz für sich beansprucht, so dass auf gleicher Flache immer weniger Platz für die Objekte selbst übrig bleibt.
Um dennoch eine Vorstellung von der Fülle der jeweils vorhandenen Sammlungen zu vermitteln, richten auch Museen immer häufiger begehbare Magazine ein. Hier kann der Besucher an den Regalen entlang spazieren und diejenigen Objekte aufstöbern, die ihm selbst interessant erscheinen. Wie aber kommt der Besucher an Informationen zu den Gegenstanden, die sein Interesse erweckt haben? Nachdem wir uns hier in einer Techniksammlung bewegen, lag es nahe, in dieser Frage ebenfalls auf eine dezidiert technische Lösung zu setzen.
Deshalb finden Sie an den Regalen und Maschinen keine klassischen Erklärungstafeln, sondern kleine QR-Codes, die eine Internetadresse speichern. Ein Smartphone oder ein Tablet erkennt diesen Link und ruft die entsprechende Seite auf. Auf diese Weise stehen dem Besucher ganz unterschiedliche Informationen zu einem Objekt zur direkten Verfügung. Erläuterungstexte, Bilder, zum Teil sogar Videos, die die Maschinen in Betrieb zeigen. Oder, wie in einem Fall, Fotos dieser Halle als Produktionsstatte der Kaelble-Werke. Ich verrate jetzt nicht bei welchem Objekt das der Fall ist. Wenn Sie ein Smartphone dabei haben, können Sie es nachher selbst herausfinden.
Die Informationen, die hier zur Verfügung gestellt werden, sind in einer Online-Datenbank gespeichert, die Sie auch zuhause nutzen können. Das Portal nennt sich Museum digital und stellt Museen eine kostenlose Plattform zur Veröffentlichung ihrer Objekte zur Verfügung. Museum digital wird in den meisten Bundesländern von den Museumsämtern und Museumsverbänden unterstützt, well es auch für kleinere Einrichtungen, die Möglichkeit bietet, ihre Objekte wirksam im Internet zu präsentieren.
Wirksam meint in diesem Fall sichtbar. Und wir wissen alle, dass im Internet nur sichtbar ist, was von Google erfasst wird. Aus diesem Grund ist Museum digital Google-optimiert, wie die Fachleute sagen. Das heißt, die Museumsobjekte werden von Google sehr viel schneller erfasst und prominenter gelistet als die entsprechenden Informationen auf der Homepage eines Museums. Es gibt nicht wenige Museumsleute, die diese Form der Digitalisierung als entscheidend für die Zukunft ihrer Einrichtungen ansehen. Und das Zeitalter der Globalisierung hat hier erst begonnen.
Manche fürchten zwar, es würde niemand mehr ins Haus kommen, wenn alles im Internet greifbar ist, aber erstaunlicherweise erleben alle Museen, die auf Digitalisierung setzen, das genaue Gegenteil - sie gewinnen neue Besucher.
Und das ist genau das, was wir alle, wenn ich in Ihrem Namen sprechen darf, was wir alle dem Technikforum Backnang für die Zukunft wünschen - möglichst viele neue Besucher, die sich an diesem Ort von der Faszination Technik inspirieren lassen.


Galerie

Quelle: Edgar Layher, Thomas Geffken für Harro Höfliger


Presseschau

Backnanger Kreiszeitung vom 7.12.2015:

Hochmodernes Lagerhaus des Wissens

BKZ-Online 7.12.2015:

Ehrenamtliche "sparten" mehr als eine Million

BKZ-Online 7.12.2015 Bildergalerie:

Technikforum eröffnet

Backnanger Kreiszeitung vom 5.12.2015:

Einstige Kaelble-Produktionshalle ist größtes Exponat

Stuttgarter Zeitung vom 4.12.2015

Die Schau der Techniksaurier

Backnanger Kreiszeitung vom 2.12.2015:

Eine Halle voll Industrie- und Zeitgeschichte



Filme

 

Quelle: Gerald Jarmuske Gerald Jarmuske

Flash-Prüfung


Quelle: privat

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OB Dr. Frank Nopper verleiht Rüdiger Kieninger und Jürgen Beer die Backnanger KanneGroße Ehrung für den Förderverein

Der Gemeinderat der Stadt Backnang hat am 12. November 2015 beschlossen, dem 1. Vorsitzenden Rüdiger Kieninger und dem Gründungsmitglied und Beirat Jürgen Beer in Würdigung der Verdienste um das Wohl der Stadt Backnang und ihrer Bürger die Backnanger Kanne zu verleihen.
    
Diese Auszeichnung wurde im Rahmen des Neujahrsempfangs der Stadt am 15. Januar 2016 übergeben.

Der Backnanger Oberbürgermeister Dr. Frank Nopper wies in seiner Laudatio daraufhin, dass viele an diesem bürgerschaftlichen Gemeinschaftswerk mit gebaut haben und Jürgen Beer und Rüdiger Kieninger heute Abend auch stellvertretend für alle Mitwirkenden gewürdigt werden.

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