Archiv Gerberei

Entlang der Murr – Gerbereien in Backnang

Maximilian RäuchleMaximilian RäuchleUnter diesem Titel fand vom 25. April bis zum 16. Mai 2004 im Helferhaus zu Backnang eine Ausstellung statt. Die wurde durch umfangreiche Nachforschungen von Rudolf KühnRudolf Kuehn angeregt. Die Einführung zur Eröffnung hielt Maximilian Räuchle, Geschäftsführer einer der letzten noch existierenden Backnanger Lederfabriken.

Das gezeigte Bildmaterial von Rudolf KühnRudolf Kuehn ist leider nicht mehr verfügbar. Den Text seiner sehr informativen und launigen Rede hat uns Maximilian Räuchle freundlicherweise überlassen:

 

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Meine Damen und Herren, zuerst muss ich Sie enttäuschen.

Ich werde nicht jedes einzelne Backnanger Gerberhaus an der Murr in einer 2-stündigen Rede aufzählen und besprechen. Sie sehen, ich werde also das Thema verfehlen.

Ich habe das Thema abgewandelt in:

Aufstieg und Fall der Backnanger Gerber – eine Wirtschaftstragödie

Leider habe ich den ersten Teil, also den Aufstieg, verpasst, aber dafür den zweiten Teil, den Fall und Untergang miterleben müssen. Dies war keine Gnade der späten Geburt.

Erste Anzeichen für ein Gerberansiedlung gibt es durch einen Hinweis im Jahre 1393 auf eine Lohmühle im Bereich der heutigen Gerberstrasse in Backnang. In einer Lohmühle wird die Eichen- oder Fichtenrinde gemahlen, damit der Gerber später die Tannine leichter auslaugen kann, um mit diesen zu gerben. Der Verdacht, dass eine oder mehrere Gerbereien vorhanden sein mussten, liegt also auf der Hand, denn wozu braucht man eine Lohmühle, wenn keine Gerberei in der Nähe ist.

Erste wirkliche Hinweise auf Gerber zu Backnang gibt es erst ab dem 16. Jahrhundert, so wie zum Beispiel Hans und Jakob Ferber oder Veit Breuninger mein UrUrUr-Großvater.
Nur langsam ging es mit den Gerbern aufwärts. Epidemien und Krieg rafften immer wieder große Teile er Bevölkerung dahin, aber die Gerber hatten ein besonders dickes Fell:

In den Anfangsjahren des 30-jährigen Kriegs also

  • 1620 gab es 2.200 Einwohner, davon 20 Gerber in 12 Gerbereien
  • 1670 gab es 900 Einwohner, davon 22 Gerber in 14 Gerbereien
  • 1740 gab es 1.900 Einwohner, davon 50 Gerber in 33 Gerbereien

Ab Mitte des 19. Jahrhunderts wird es dann leicht hektisch im verträumten Backnang.
Die drei großen Impulse für die Industrialisierung von Backnang waren:

  • Erstens die Auflösung der Zünfte, die in Württemberg erst 1862 erfolgte. Damit fiel die Beschränkung, dass jeder Meister nur 2 Gesellen beschäftigen durfte. Schon 9 Jahre später hatte jeder Meister im Schnitt 4 Gesellen beschäftigt.
  • Zweitens der Einsatz von Dampfmaschinen, der von vielen sehr misstrauisch beäugt wurde, von den einen aus Rentabilitätsgründen, da die Arbeitskräfte noch billig waren und von den anderen aus einer Furcht vor neuen Technologien die der Mensch nicht beherrschen kann. Bedenkenträger gab es also schon immer, was frührer die Dampfmaschine und das Auto war, sind heute Kernkraft und Gentechnik.
    Die Pioniere dieser neuen Zeit waren die Familien Kaess, Schweizer und Häuser die zwischen 1872 und 1874 die ersten Dampfmaschinen installierten und ihre Betriebe beträchtlich ausbauten.
  • Als dritter Faktor zur Industrialisierung kam die Einweihung der Bahnstrecke von Waiblingen nach Backnang im Jahre 1876. Diese Verbindung zur Außenwelt, für die lange gekämpft wurde, ermöglichte den Gerbern erst richtig ihr Business auszubauen. Denn schon lange reichten die schwäbischen Hautressourcen nicht mehr aus um die stark steigende Nachfrage zu befriedigen. Die Gerber wurden zu Global Players zumindest im Rohwarenresourcing. Auf schwäbisch „Man hat auf der ganzen Welt eikauft“.

Backnang war übrigens im Deutschen Reich bekannt für seinen Wildvache. Das sind Schuhsohlenleder aus Wildhäuten, also Häuten von Kühen (französisch vache), die wild im Freien leben.
In den Gruben der Gerber lagerten also Häute aus der ganzen Welt, chinesische Rangoon Kuhhäute, neben indischen Kipsen, sowie Cap Häute und indonesische Javahäute und nicht zu vergessen die guten argentinischen Buenos Aires Häute, die schon damals gesalzen über den Atlantik kamen.

Backnang hatte sich zum Skin Valley entwickelt!!

Der Boom war gigantisch.

Immer größere Kapazitäten wurden aus dem schwäbischen Boden gestampft, um die steigende Nachfrage zu stillen. Man glaubte, es gehe ewig so weiter, bis der Markt 1898 einbrach und dann total umkippte.
Die Preise fielen und die Gerber mussten Ihre fertigen Leder billiger verkaufen, als sie die Rohhäute eingekauft hatten. Die Verluste waren immens, man muss bedenken, dass die Vorräte groß waren, allein die Gerbdauer betrug damals 12 Monate. Dass die Märkte immer wieder zusammenbrechen können, haben wir ja auch an den Börsen erlebt und das Leben der Gerber war schon immer spekulativ.

Auch 6 Schwäger meines Großvaters gingen mit ihren 3 Fabriken 1899 in Konkurs. Dummerweise hatte mein Großvater für diese gebürgt und so musste er auch er mit seiner Fabrik Konkurs anmelden. Das war damals eine ganz große Schande, unter der die Familien noch nach Jahrzehnten litten. Meine Tanten haben mir immer wieder von den vielen Tränen ihrer Mutter wegen dieser großen Schande erzählt.

Backnang Postkarte 1910

Aber auch schon in den besseren Zeiten davor war das Leben in den Gerberfamilien recht hart.

Aus den Erinnerungen meiner Großtante Johanna Henninger können wir uns einen Einblick in den streng eingeteilten Tagesablauf um 1880 verschaffen. Die Familie bestand aus 12 Geschwistern, meine Urgroßmutter war schon verstorben. Ich lese nun einige Passagen aus den Briefen:

Morgens um ½ 5 stand Vater auf und weckte dann alle nacheinander. Im ersten Stock des Hauses schliefen auch noch Gerber, die Dienstmädchen, dann wir und die Buben im 2. Stock., dann alle im unteren Stock. Bis ½ 6 Uhr musste alles bei der Arbeit sein. Um 6 Uhr trank die Familie ihren Kaffee mit Wecken, wobei Vater aus einem Schatzkästlein den Morgensegen las mit Vater Unser usw. Um sieben saßen die Gerber an den Tischen mit Schwarzbrotsuppe und Kartoffel. Du glaubst nicht wie das gut schmeckte. Wenn die gegessen hatten, machte ich mich noch dahinter. So gut schwarze Suppe habe ich seither nimmer gegessen, von Brot von den eigenen Äckern und selbst gebacken. Den letzten Rest bekam der Hund, derweil hatten auch die Schweine ihre Nahrung auch vom eigenen Acker erhalten. Früher hatten wir auch Enten. Das gaben wir auf. Den Gerbern las der Vater ein Liederschatz, auch beim Nachtessen. Um ½ 10 musste das Vesper in der unteren Werkstatt gerichtet sein. Die älteren Gerber erhielten 1 Krügle Most mit 1 ½ Schoppen, die Lehrlinge 1 Schoppen im Zinnbecher, Brot durfte jeder essen soviel er wollte. Wir buken jede Woche 2 mal ca 22 ganze Laib. Um 4 Uhr war wieder Vesper und Punkt ½ 8 Uhr saßen die Gerber beim Nachtesse. Wenn vollends alle gegessen hatten, so wurde flink gespült und wir Kinder mussten ein jedes seine Schuhe blank putzen. Das musste bis 8 Uhr geschehen sein. Dann kam noch das Abendgebet vom Vater und ein Gute Nachtkuß. Bis 9 Uhr konnte man noch lesen, spätestens ½ 10 Uhr, aber dann war strengstens Schluß.

Wie geht’s uns da heute doch gut.

Und den Backnanger Gebern ging´s gut bis in die 1950er Jahre. 2000 Mitarbeiter wurden beschäftigt. Es wurde ganz ordentlich verdient, sodass man auch Geld hatte für soziale Einrichtungen: das Bahnhofhotel, das Bürgerheim, die Robert Kaess Siedlung…

Und auch für den Umweltschutz war Geld da. Die Backnanger Gerber gründeten, obwohl sie alle untereinander Konkurrenten waren eine Abwasserreinigungsgenossenschaft. Diese errichtete in Rekordzeit zusammen mit der Stadt eine hochmoderne Kläranlage nach dem Stand der Technik mit dem dazugehörigen Kanalnetz, das die Gerber ganz alleine finanzierten. Alle Backnanger Gerbereien wurden angeschlossen, beginnend im Osten mit Langbein und im Westen mit der Firma Lederwerke. Das Kanalnetz besteht meines Wissens in Teilen noch heute. Zuvor hatte jede Gerberei seine eigenen Absetzbecken aus denen es in der ganzen Stadt herausstank.

Mit meiner Geburt 1956 begann auch der Untergang der Gerber in Deutschland.

Die Schuhindustrie mit ihrem hohen Arbeitskostenanteil litt besonders unter den durch das Wirtschaftswunder steigenden Löhnen. Zu hunderten gingen die Schuhfabriken in Konkurs oder ins Ausland. Die Gerber verloren ihr Geld und ihre Kunden und somit auch ihre Rendite.
Es begann ein langwieriger Überlebenskampf den bis heute nur 26 Gerbereien in Deutschland überlebt haben.

Ich muss nun leider zum Thema Abwasser kommen, wer das Thema nicht mehr hören kann hat nun die Gelegenheit zu gehen.

Was für den menschlichen Körper gut sein kann, kann für eine Gerberei der Tod sein. Das Chrom. Wir stellen jetzt eine Lösung her, die die erlaubten Chromwerte zur Einleitung in die Kanalisation übertrifft. Dies ist nur zum Verdeutlichen wie streng die Regeln sind.
Dieses Wässerle, das dem Menschen hilft seinen Glukosehaushalt zu regulieren, darf nicht ins Kanalnetz eingeleitet werden.
Neue Abwassergesetze verlangten, dass die Reinigung des chromhaltigen Gerbereiabwassers am Ort des Entstehens, also direkt in der Fabrik erfolgen muss. Dies war eine Umkehr der Backnang Lösung, nämlich einer gemeinsamen Reinigung. Eine Forderung die man nicht glauben konnte.

Wie war die Situation:
die Backnanger Gerber zahlten die höchsten Abwassergebühren in Deutschland, dazu sollte noch jeder seine eigenen Kläranlagen bauen, deren Endausbaustufe nicht definiert, also finanziell nicht überschaubar war. Im Gegensatz hierzu erhielten die Konkurrenten in Ostdeutschland ihre Kläranlagen komplett finanziert.

Ein Konkurrent von Fritz Häuser wurde mit ~ 80Mio DM subventioniert. Der Konkurrent von Kaess ließ sein Abwasser direkt in den Fluss.

Die Stadt Backnang wollte schon wieder die Abwassergebühren erhöhen, dies bedeutete, dass nur die Abwasserkosten für das Gerben einer Haut in Backnang höher geworden wären als das Gerben von Rohware in Polen zu Fertigleder.

Ein Stadtrat, Lehrer und Pfarrer, wird mir ewig in Erinnerung bleiben:
Ich stimme für die hohe Abwassergebühr. Die Gerberfamilien haben über Jahrhunderte die armen Leute ausgebeutet und das Geld in die Schweiz geschafft. Jetzt sollen sie dafür zahlen.

Da sprach nicht Gott aus seinem Munde, das war Karl Marx.

Man erkennt aus dieser Aussage aber auch, dass niemand glaubte, dass es den Gerbern wirklich schlecht ging. Es stimmte ja auch der gesamte Gemeinderat mit Ausnahme der FDP und der Grünen für die hohen Abwassergebühren.

Die Stadt konnte dann doch nicht die höheren Gebühren erheben, da durch die Betriebseinstellung von Häuser der Anteil an verschmutztem Abwasser zu gering war und dadurch es rechtlich nicht mehr zulässig ist, einen Starkverschmutzerzuschlag in dieser Höhe zu erheben. Keine Unternehmensrendite und dieses für uns negative Umfeld!

Für unsere Firma bedeutete dies:

entweder wir müssen unseren Betrieb schließen oder schaffen den Sprung nach Osteuropa, wo man sich noch über Arbeitsplätze freut. Die Zeit drängte, da der Termin der Zwangsschließung der Gerbereien immer näher rückte.

Das RP Stuttgart verlängerte uns den Zeitrahmen und praktisch in letzter Minute schafften wir es, unsere Chromlederproduktion nach Polen zu verlagern.

Dies ermöglicht es uns heute in Backnang weiterhin der Rotgerberei nachzugehen. Also ganz natürlich mit Gerbstoffen (Tannine wie z.B. auch im Rotwein) die aus Baumrinde ausgekocht werden, so ungefähr wie es unsere Vorväter auch schon getan haben.

Nach all der bewegten Gerbertradition in Backnang hoffe ich, dass es unsere Firma Gebrüder Räuchle, die dieses Jahr übrigens ihren 75igsten Geburtstag feiert, noch lange in Backnang gerben wird und dass unsere 2 Kollegen Eckstein und Knapp dies auch noch lange tun werden.

 

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Druckschrift der Fa. Fritz Häuser Lederfabrik und Kunststoffwerk GmbH & Co

haeusser 02 thhaeusser 01 thDie Werbebroschüre von Anfang der 1990er Jahre zeigt die Geschichte des Unternehmens ebenso wie den modernen Stand der Investitionen in Anlagen und Gebäude. Der Prospekt ist mehrsprachig, man erkennt, dass Geschäftspartner im russischen und englischen Sprachraum zum Kundenstamm gehörten. Das Druckwerk ziert eine schöne Luftaufnahme des Bereichs Obere Walke-Gartenstraße.
Der Sonderdruck aus der Fachzeitschrift Leder- und Häutemarkt unterstreicht die Kompetenz der Firma.

Gesamte Druckschrift im PDF-Format (~2,6 MB).

 

 

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