Verzeichnis der Veranstaltungen

10 000 Jahre Waage
Referent: Armin Soehnle, Murrhardt
Datum: Dienstag, 13. April 2010
Ort: Bürgerhaus Backnang, Fritz-Schweizer-Saal
 

Armin SoehnleArmin SoehnleEin einmaliges, ideales Messgerät

10000 Jahre Waage: Vortrag über die Entwicklung der Wägetechnik, den persönlichen Feind im Bad und skrupellose Apotheker

Nein, er habe nicht versehentlich eine Null zu viel angehängt, leitete Armin Soehnle seinen Vortrag ein. Die Waage ist tatsächlich 10000 Jahre alt – eine spannende Historie, vom Referenten im Rahmen der Vortragsreihe Technikgeschichte des Fördervereins Technikmuseum Backnang kurzweilig umrissen.

Viele sehen in ihr den persönlichen Feind im Badezimmer oder ein Mittel, in der Küche das richtige Maß an Zutaten zu finden. Mit Waagen und ihrer Funktionsweise kommt jeder in Kontakt. Und so lockte Armin Soehnles Vortrag nicht nur Technikfreaks ins Backnanger Bürgerhaus. Die Geschichte des Messgeräts, das einem unbeeindruckt die Zahl der eigenen Kilos auf den Rippen vor Augen führt, interessierte, wie die zahlreichen Fragen der Zuhörer bewiesen.

Schon bevor das gleichnamige Sternbild am Himmel, die Libra, benannt wurde, gab es die Waage als Messgerät, leitete Armin Soehnle seinen Vortrag ein. In der Jungsteinzeit, 8000 Jahre vor unserer Zeitrechnung, brachte die zunehmende Sesshaftigkeit der Menschen Spezialisierung mit sich. Der Handel zog ein und mit ihm musste rechtes Maß und Gewicht gefunden werden. „Die Waage sieht heute noch so aus wie vor 10000 Jahren“, sagte Soehnle und mit Begeisterung: „Sie ist ein einmaliges Messgerät. Sie macht nichts anderes, als vergleichen. Sie ist der ideale Vergleicher, der sich von nichts beeindrucken lässt.“

WaageUnd weil sie sich eigentlich von nichts beeindrucken lässt, gab es schon immer Versuche, sie zu manipulieren. „Mit Waagen wurde gern geschummelt und betrogen“, so Soehnle. Er erzählte von Quecksilbertropfen, die in einen ausgehöhlten Waagbalken gegeben und mal auf diese, mal auf jene Seite geschupst wurden. Und er erklärte, woher der Ausdruck skrupellos kommt: Der Skrupel sei ein altes Apothekergewicht gewesen. Wenn ein Apotheker Skrupel hatte, habe man sich auf ihn verlassen können – wenn nicht, dann nicht. Auch die rauhe Oberfläche von Gewichten lasse sich vor dem Hintergrund der Schummelei erklären: „An der rauhen Oberfläche kann man nichts unbemerkt runterpolieren.“ Waagenmeister und Behörden, die die Richtigkeit der Gewichte bestätigten, waren darum immer schon sehr wichtig. „Aber was ist Masse eigentlich“, fragte Soehnle in die Runde. Das Kilogramm sei ein Kind der Französischen Revolution. Seit 1871 gelte es auch in Baden-Württemberg als Gewichtseinheit. Das Urkilo werde in Sèvres nahe Paris aufbewahrt. „Doch es verliert an Masse. Es wird unterstellt, dass es um 50 Mikrogramm abgenommen hat, obwohl es aus Platiniridium besteht.“ Die Waagenbauer würden sich deshalb momentan mit der Frage beschäftigen, wie viel ein Kilogramm ist.

1200 Jahre lang, während des dunklen Mittelalters, habe es fast keinen Fortschritt gegeben, erläuterte Soehnle. „Erst im 17. Jahrhundert geht bei den Waagen richtig die Post ab – wie bei vielen anderen Dingen auch.“ Das Eichwesen kam auf. Es entwickelten sich Laufgewichtswaagen, bei denen nur ein Gewicht gebraucht wurde. Die preisrechnende Waage, die oberschalige Waage, die Personenwaage, die selbsttätige Waage, die Neigungswaage, die Dezimalwaage, die Waage mit Drucker wurden im Laufe der Jahrhunderte erfunden. Auch wenn Waagen heute oft viel komplizierter aussehen, als die gleicharmige, unterschalige Balkenwaage (Foto), „von der Physik her ist es das Gleiche“, so Soehnle. „Was besseres als die Balkenwaage gibt es nicht, wenn man es ganz genau haben will.“

Ein Zuhörer wollte daraufhin wissen, ob Waagen mit der Zeit ihre Genauigkeit verlieren. Soehnle antwortete mit einer Anekdote von einem amerikanischen Farmer, dessen Waage nach wenigen Monaten schon nicht mehr richtig funktionierte. Wie sich herausstellte, hatte er damit zehn Millionen Küken gewogen. „Verschleiß gibt es schon, vor allem bei den genauen Waagen.“ Mit der Waage im Badezimmer gebe es aber andere Probleme: „Die werden zu selten benutzt. Es ist wie ein Kaltstart beim Auto. Das läuft auch nicht gleich auf Hochtouren.“

Nach dem kurzweiligen, einstündigen Streifzug durch die Geschichte der Waage und der Menschheit schloss Jürgen Beer, Beisitzer im Förderverein Technikmuseum, der seit nunmehr zwei Jahren besteht, mit dem Ratschlag: „Gehen Sie morgen entspannt auf Ihre Waage. Ich mache das auch so.“

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