Telefunken nach 100 Jahren - Das Erbe einer deutschen Weltmarke

Pünktlich zum 100jährigen Jubiläum im Jahre 2003 erschien das Buch Telefunken nach 100 Jahren zur Geschichte des Unternehmens. Eine Gruppe von meist ehemaligen Managern der Firma und befreundeten Fachleuten erstellte in jahrelanger Vorarbeit dieses recht umfassende Bild eines einst weltbekannten Unternehmens. Für alle, die keinen Zugang zu einem Exemplar dieses inzwischen vergriffenen Druckwerks haben, seien die für Backnang relevanten Kapitel mitsamt allen dazugehörigen Bildern hier wiedergegeben.
Dies geschieht mit freundlicher Genehmigung der Nicolaische Verlagsbuchhandlung GmbH, Berlin.

Militärische Telekommunikation

Rückgrat militärischer Verteidigungsstärke: leistungsfähige Kommunikationssysteme

Von Theodor Pfeiffer Theodor Pfeiffer und Rudolf Steinhart Rudolph Steinhart

Die militärische Stärke einer Armee wird meist nach ihren Waffensystemen beurteilt. Panzer, Flugzeuge und Schiffe demonstrieren nach außen ihre Schlagkraft, die sich allerdings nur dann entfalten kann, wenn die Kommunikation innerhalb und zwischen den Waffengattungen durch leistungsfähige Kornmunikationssysteme gewährleistet ist. Bereits im Zweiten Weltkrieg wurden zu diesem Zweck militärische Richtfunksysteme erfolgreich eingesetzt. Das mit solchen Geräten ausgestattete Weitverkehrsnetz der deutschen Luftwaffe war zuverlässig, überdeckte große Teile Europas und hatte im Endausbau eine Streckenlänge von rund 50.000 km (siehe auch Kapitel »lnformationsübertragung in globalen Netzen«).

Nach dem Beitritt der Bundesrepublik zur NATO und der Gründung der Bundeswehr im Jahr 1955 stellte sich daher auch bald die Aufgabe, ein leistungsfähiges Nachrichtennetz zu schaffen. Man entschied sich, für das Grundnetz zwischen den festliegenden Stationen der Bundeswehr Leitungen und Nachrichtensysteme der Deutschen Bundespost heranzuziehen. Für die taktischen Verbindungen zwischen den Truppenteilen - vor allem des Heeres und der Luftwaffe - mussten jedoch neue mobile Anlagen geschaffen werden. Insbesondere waren dies Trägerfrequenzsysteme für die Bündelung von Sprachsignalen, Wechselstrom-Telegrafiegeräte für die Fernschreibübertragung und Richtfunksysteme zur Übertragung der zuvor genannten Nachrichtensignale über große Strecken. Bei der Entwicklung der Geräte nutzte man - wo es sich anbot - bewährte Schaltungen und Baugruppen der zivilen Technik und ergänzte diese durch Neuentwicklungen. Um die hohen mechanischen und klimatischen Anforderungen der Truppe erfüllen zu können, wurde eine Typenreihe robuster Koffergehäuse konstruiert, in die dann die elektronischen Baugruppen eingebaut wurden.

Die Entwicklung und Fertigung dieser speziellen und in der Stückzahl begrenzten Geräte, die außerdem für den Einsatz völlig einheitlich sein mussten, führten bei mehreren Systemen zu einer Kooperation der jeweils beteiligten Firmen - vor allem Telefunken/Backnang, Siemens und SEL - unter Führung des Verteidigungsministeriums. Da ein Multiplex- oder Richtfunksystem meist aus mehreren Koffern bestand, wurde festgelegt, dass jeweils ein Partner einen speziellen Koffer entwickelt und fertigt. Damit konnte die Logistik mit einheitlichen Reserve- und Ersatzteilen arbeiten, und unwirtschaftlich kleine Serien bei der Industrie wurden vermieden. Der vorangegangene Wettbewerb um die Beteiligung sicherte optimale technische Lösungen. Dieses Verfahren wurde bis in die neunziger Jahre sehr erfolgreich angewandt.

284a tbBild 1: Wechselstrom-Telegrafiegerät WT-FM-E1 für die Übertragung eines Fernschreibsignals in der Mitte des Sprachbandes (1971)Die ersten Geräte, die Ende der fünfziger Jahre bei der Bundeswehr in Erprobung gingen, waren das TF-Gerät VZ 12T für 12 Sprachkanäle und das Richtfunkgerät FM 12/800 zur Übertragung von 12 TF-Kanälen im 800 MHz-Bereich. In den frühen sechziger Jahren wurden diese Systeme dann als Grundausstattung der Bundeswehr - insbesondere des Heeres - in Kooperation mit Siemens in großen Stückzahlen gefertigt und geliefert. Während die TF-Geräte bereits mit Transistoren ausgestattet waren, besaß das Richtfunkgerät als aktive Bauteile noch Elektronenröhren. Dennoch blieb seine Robustheit und Bedienerfreundlichkeit über lange Zeit unerreicht. Noch heute werden solche Geräte - wenngleich modernisiert - begrenzt eingesetzt. Zeitgleich wurde außerdem das in Backnang entwickelte und gefertigte Wechselstrom-Telegrafie-Gerät FM-WT 240 beschafft, das 4 bis 12 Fernschreibsignale in einem TF-Sprachkanal übertragen konnte und damit die Basis für das Fernschreibnetz der Bundeswehr darstellte. In der NATO war daneben noch ein WT-Gerät eingeführt worden, das in der Lage war, in der Mitte des Sprachbandes - bei etwa 1.500 Hz, also in einem Bereich, in dem die Sprachenergie klein ist - ein Fernschreibsignal in beide Richtungen zu übertragen, ohne das Gespräch zu stören. Auch Backnang hatte ein solches sehr kompaktes Gerät im Produktprogramm (WT-FM-E1), das ab Mitte der sechziger Jahre an die Bundeswehr sowie an verschiedene NATO-Partner geliefert wurde.

Fernschreiben waren damals - wie auch noch heute -wichtige Dokumente bei der Übermittlung von Befehlen, Situationsberichten u.a.m., deren Signale bei der Übertragung unter allen Umständen „abhörsicher“ sein mussten. Um dies zu gewährleisten, entwickelte man in Backnang ein Verschlüsselungsgerät (Eicrotel), das ab 1965 geliefert wurde. Zur Komplettierung des Systems lieferte die Firma Siemens ein Telegrafie-Anschaltgerät als Schnittstelle zu den verschiedenartigen Fernschreibanlagen.

Für den Einsatz im Führungsnetz der Luftwaffe, das sich über die ganze Bundesrepublik erstreckte, entstand bereits Ende der fünfziger Jahre in Kooperation mit SEL ein mobiles Weitverkehrs-Richtfunkgerät für das 5.000 MHz Band mit einer Übertragungskapazität von 120 Sprachkanälen (FM 120/5000).

285a tbBild 2: Richtfunkgerät FM 120/5000. Verlastbare Weitverkehrsanlage mit automatischer, 100%Geräte-Ersatzschaltung zur Übertragung von 120 Gesprächskanälen in CCI-Qualität (1963).Nach der Erprobung wurde das Gerät, das bis auf die Sendestufe mit Halbleitern bestückt war, ab 1963 an die Luftwaffe geliefert. Als mobile Anlage war sie in Unimog-Fahrzeugen eingebaut und besaß einen leicht montier- und besteigbaren Sendemast.

Um 1965 - erste digitale Multiplexsysteme mit Pulscodemodulation (PCM) waren in den USA seit 1962 erfolgreich in Betrieb – machte sich auch die Bundeswehr Gedanken über diese neue Technik. Die Vorteile waren insbesondere für die „Militärs“ bestechend: Digitalsignale konnten – im Gegensatz zu analogen Signalen – relativ einfach und sehr effektiv durch Verschlüsselung abhörsicher gemacht werden. Telefunken/Backnang wurde daher 1965 vom Verteidigungsministerium beauftragt, eine Studie über ein vollautomatisches, volldigitales mobiles Nachrichtennetz auszuarbeiten. Diese Studie lag ein Jahr später vor und enthielt Lösungsvorschläge zu brennenden Problemen, beispielsweise zur digitalen Vermittlung der Nachrichtensignale, zur Digitalisierung und Verschlüsselung bis zum Teilnehmer, zum Verbindungsaufbau zu einem mobilen Teilnehmer und zur Synchronisierung in einem vermaschten Netz. Auch wenn sich die Studie aus verschiedenen Gründen nicht realisieren ließ, sprach sie bereits Themen an, die erst anderthalb Jahrzehnte später, zum Teil auch in den öffentlichen Nachrichtennetzen, akut werden sollten.

286a tbBild 3: Mobiles PCM-Multiplexgerät für 12 bis 24 Sprachkanäle einschließlich Verschlüsselungsgerät (1971).Doch die Digitalisierung ließ nicht mehr lange auf sich warten. Das oben erwähnte Richtfunksystem FM 12/800 wurde so modifiziert, dass 12 bzw. 24 PCM-Kanäle übertragen werden konnten. Passend hierzu wurde ab 1967 zusammen mit der Firma Siemens ein mobiles PCM-Multiplexsystem für 12 bis 24 Sprachkanäle entwickelt, das auch ein Verschlüsselungsgerät enthielt.

Im Bedarfsfall, z. B. wenn sich das Multiplexgerät abgesetzt vom Richtfunkgerät befand, konnten die Signale auch über eine Leitungsausrüstung auf Feldfernkabeln bis zu einer Länge von 24 km übertragen werden. 1971 erfolgte die Lieferung der ersten Geräte an die Bundeswehr, die bald zur Standardausrüstung der Truppe gehörten.

Zeitlich etwas versetzt, nahm man Ende der Sechziger Jahre - ebenfalls in Kooperation mit der Firma Siemens - die Entwicklung der Nachfolgegeneration der FM-12/800-Geräte in Angriff. Es entstand eine Familie transportabler Richtfunkanlagen im 2 GHz-, 5 GHz- und 15 GHz-Bereich zur Übertragung von Digitalsignalen mit den Bitraten 1.024 bzw. 2.048 kBit/s. Das Besondere an diesen Geräten war die „Mastmontage“, d. h. Sende- und Empfangsteil waren an der Mastspitze montiert, um die nicht unerheblichen Leistungsverluste in den Mikrowellen-Energieleitungen vom Mastfuß zur Mastspitze zu vermeiden.

Ab Mitte der siebziger Jahre wurden diese Geräte in großen Stückzahlen an die Bundeswehr- und dort insbesondere an das Heer- ausgeliefert. Betrachtet man heute die Reihe der bei der Truppe eingesetzten Richtfunkgeräte, so stellt man fest, dass sich nicht allzu viel geändert hat. Abgesehen davon, dass auch heute noch rund 2.500 Anlagen der oben genannten Familie bei der Bundeswehr eingesetzt werden (beispielsweise auch im Kosovo), sind modernere Geräte entsprechend der Verfügbarkeit neuer Bauelemente, insbesondere hochintegrierter Schaltungen, noch kompakter und bedienungsfreundlicher. Die Grundkonzeption jedoch ist immer noch die, für die Telefunken in den Nachkriegsjahren mitverantwortlich war.

287a tbBild 4: FM 15000, volltransistorisiertes Richtfunkgerät als flexible tragbare Anlage im Frontbereich. 15 GHz-RF-Teil am Mastkopf mit integrierter Antenne (1974).Obwohl die Digitalisierung der mobilen Netze in den siebziger Jahren rasche Fortschritte machte, war dies im ortsfesten Netz der Bundeswehr sowie im Verbindungsnetz zwischen den NATO-Partnern auf längere Sicht noch nicht gegeben, das heißt, auf den analogen Leitungen konnte die Geheimhaltung von Gesprächen nur mit Hilfe spezieller Geräte gewährleistet werden. Die Bundeswehr beauftragte daher das Konsortium Telefunken, SEL und Siemens, solche Einrichtungen zu entwickeln. In Gemeinschaftsarbeit entstand ein System, in dem zunächst das Sprachsignal in einem Vocoder durch extreme Redundanzminderung in ein Digitalsignal mit der Bitrate 2400 bit/s verwandelt wurde. Nach der Verschlüsselung sorgte dann ein Modem dafür, dass die Nachricht in einem beliebigen Sprachkanal mit der üblichen Bandbreite 300 -3400 Hz einwandfrei zum Empfänger gelangte. Dort wurde das Digitalsignal zunächst entschlüsselt und dann durch Sprachsynthese wieder in analoge Sprache verwandelt, die zwar deutlich als „künstliche
Sprache“ erkennbar war, doch der Sprecher konnte identifiziert werden und die Sprachverständlichkeit war hervorragend, wie umfangreiche Tests bewiesen haben. Die ersten so genannten Elcrovox-Geräte wurden ab 1970 an die Bundeswehr und andere Bundesbehörden und - da sie die NATO-Zulassung erhielten – auch an NATO-Partner geliefert. Mitte der siebziger Jahre entstanden weitere Varianten, die auch die gesicherte Sprachübertragung über Funkkanäle ermöglichten.

Ende der siebziger Jahre vereinbarten die Firmen Telefunken/Backnang und Siemens, eine weitere mobile Multiplex-Generation zu entwickeln, die für den Einsatz im NATO-Bereich sowie in den Streitkräften befreundeter Nationen geeignet war. Die Analog-Digital-Wandlung des Sprachsignals erfolgte in diesem System (gemäß den EUROCOM-Empfehlungen) durch Deltamodulation, die gegenüber Pulscodemodulation auch noch gute Sprachqualität bei einer Bitrate von 32 kbit/s und ausreichende Qualität sogar bei 16 kbit/s ermöglichte. Der Grundbaustein war ein Multiplexgerät für 15 Sprachkanäle, das in einen robusten Koffer eingebaut war. Bis zu vier Multiplexkoffer konnten zu einem 60-Kanal-System zusammengeschaltet werden. Dabei übernahm ein Koffer die „Master-Funktion“ , das heißt, er bestimmte die Taktfrequenz und vereinte die digitalen Multiplexsignale der anderen drei Koffer zu einem gemeinsamen Signal, dessen Bitrate je nach Kanalzahl und der gewählten Digitalisierungsrate (16 oder 32 kbit/s) zwischen 512 und 2.048 kbit/s schwanken konnte. Über ein Leitungsendgerät -  eingebaut in einen identischen Koffer – konnte dieses Signal dann über ein Feldfernkabel bzw. über ein Glasfaser-Feldfernkabel entweder direkt zum nächsten Multiplexgerät oder zu einem mobilen Richtfunksystem übertragen werden.

Zu Beginn der achtziger Jahre schritt die Digitalisierung der öffentlichen Nachrichtennetze zügig voran, sodass auch die Entwicklung mobiler Geräte, die den CCITT-Empfehlungen entsprachen, für die Bundeswehr interessant wurde. Telefunken/Backnang entwickelte daher - unter Verwendung von Baugruppen der kommerziellen Technik - ein Spezialsystem für bis zu 30 Sprach- oder Datenkanäle. Es war in horizontalen Einschüben untergebracht, hatte ein integriertes Leitungsendgerät für Glasfasern oder Kupferadern und konnte in ortsfeste Gestelle oder in die üblichen militärischen Koffergehäuse eingebaut werden.

Wie bei den Richtfunkgeräten, gehören auch heute noch viele der beschriebenen Multiplexgeräte zur Ausrüstung der Bundeswehr. Sie werden nach wie vor im rauen Alltagsbetrieb eingesetzt und verrichten dort weiterhin zuverlässig ihren Dienst.

 

 

 

Mit freundlicher Genehmigung der Nicolaische Verlagsbuchhandlung GmbH, Berlin

 

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